album_coverEditors: In This Light And On This Evening

(PIAS, 09.10.2009)

Bei den letzten beiden Editors-Alben „An End Has A Start“ von 2007 und „The Back Room“ von 2005 fragte man sich immer, wer hier eigentlich wen kopiere. Interpol die Editors oder die Editors Interpol? Fakt ist, dass Interpols letzte Platte „Our Love To Admire“ vor zwei Jahren veröffentlicht wurde und – seien wir mal ehrlich – außer „The Heinrich Maneuver“, das dieses Jahr auch als Single herauskam, nicht viel Überwältigendes zu bieten hatte.

Auch die Editors verblüfften bisher nicht unbedingt mit ausgefallenen Songs, zumal der Eindruck eines Interpol-Klons durchaus gerechtfertigt war und sich die Jungs aus Birmingham nicht wirklich Mühe gaben, diese musikalischen Parallelen zu umgehen. Umso mehr Zweifel machten sich nach der Kunde über ein neues Album breit und umso entwaffnender war das Ergebnis zunächst, das uns „In This Light And On This Evening“ bescherte.

Denn der gleichnamige Opener ist mit großem Abstand der passendste, epischste und vor Spannung fesselndste, den die Editors je hervorgebracht haben. Beinahe einer magischen Beschwörungsformel gleich, raunt Tom Smith mit grundtiefer Stimme eine Hommage an London ins Studiomikro und bereitet mit einer Seelenruhe auf die Monumentalität, die in diesem Song noch kommen soll, vor.

Die darauffolgenden Stücke, wie „Bricks & Mortar“ oder „Papillon“, welches übrigens als Vorab-Single auf den Markt kam, setzen die Großartigkeit von „In This Light And On This Evening“ dummerweise nur einigermaßen zufriedenstellend fort. Eher noch scheint die Editors ein wenig der Mut verlassen zu haben, denn auch die anschließenden Titel zeugen nicht von großen kreativen Schaffensphasen, weder textlich noch musikalisch. Viel mehr dient das Indie-Album fortan nur noch mit poppigen Synthesizer-Stücken und ewig wiederkehrenden Textpassagen.

Vielleicht ist die Band ja auch einfach nur von sich selbst eingeschüchtert und denkt, sie bringe eh nichts Besseres als den Opener hervor. Recht hätten die Editors damit schon. Doch plötzlich ist da „The Big Exit“, das wieder diese gewisse Zwielichtigkeit vom Anfang ausstrahlt. Auf der einen Seite geheimnisvoll und düster, annähernd explosiv und mit einer gewissen Abgeklärtheit versehen, auf der anderen Seite durch den stimmlichen Wechsel zwischen hohen und tiefen Tonlagen fast ausgelassen.

„The Boxer“ darf dann wiederum in die Kategorie „Reizlose Balladen“ geschoben werden, lediglich der Text à la „ I wanna dance with the city/ Show me something ugly/ Show me something pretty“ ist noch so metaphorisch, dass man ihm Bedeutung zuschreiben kann. „Walk The Fleet Road“ dagegen geht mit ruhigen letzten Synthesizern als Vorstellung von einem gelungenen Albumausklang gern konform.

Alles in allem ist das Resultat der neuen Editors-Platte jedoch relativ ernüchternd. Aber es ist auch nicht unbedingt einfach, sich an der eigenen Messlatte zu orientieren und dann auch noch dauerhaft über sich hinauszuwachsen. Doch in knapp 4 Minuten haben die Editors dies ja trotzdem geschafft.

Julia Fischer für Valve-Magazine.net

Bewertung: 3/5
Highlights: In This Light And On This Evening, The Big Exit, Eat Raw Meat = Blood Drool
Lowlights: Papillon, The Boxer

Tracklist:
01) In This Light And On This Evening
02) Bricks & Mortar
03) Papillon
04) You Don’t Know Love
05) The Big Exit
06) The Boxer
07) Like Treasure
08) Eat Raw Meat = Blood Drool
09) Walk The Fleet Road

Web:

www.editorsofficial.com

www.myspace.com/editorsmusic

elephantElephant: Icebreaker

(Junkyard Entertainment, 30.09.2009)

Die Beinahe-Großstadt Örebro im südzentralen Schweden, die einem so gut wie nichts sagt und von der man keinerlei Vorstellungen hat, bietet offensichtlich doch so einiges mehr als nur kleine rot gestrichene Holzhäuschen und süßklebrige Kanelbullar. Mal abgesehen davon, dass Örebro den einen oder anderen Philosophen und Schriftsteller vorweisen kann, sind uns doch die schwedischen Talente eher aus Göteburg, Malmö, oder Stockholm bekannt. Aber Örebro? Die vier Mitglieder von Elephant versuchen uns eines Besseren zu belehren.

Bereits im Oktober 2008 waren die 13 Songs des Albums „Icebreaker“ komplett und fertig. Nun, ein Jahr später, veröffentlichen Elephant ihr Debüt auch hierzulande. Ob das genügt, um das Eis als Revolutionäre zum Schmelzen zu bringen und Elephant ein chronischer Erfolg zuteil wird, steht noch aus. Aber es geht ja im Leben nicht immer um den großen Durchbruch oder um Geld. Einigen Musikern ist es einfach wichtig, ihre, wie sie von sich selbst sagen, andere oder spezielle Musik unter die Leute zu bringen. So abgedroschen das auch klingt, aber manchmal ist es schon ein persönlicher Erfolg, irgendeinen Hörer mit irgendeinem der Songs irgendwie zu erfreuen. Sagen jedenfalls viele von diesen Bandtypen.

Angeblich dem Grunge verfallen, warten Elephant bei „Icebreaker“ mit mehr Instrumentarisierung auf, als viele Grungebands es jemals taten. Einzig und allein die Stimme des Frontmannes Simon Persson ähnelt Curt Cobain, aber dafür kann er ja auch nichts. Der Opener „Believe me“ und der darauffolgende Song „Closer“ zeugen schon von Besonderheit und überzeugen wiederum, dass die Gewinner im Kampf um Grunge-Originalität eindeutig Elephant sind.

So gut und einfallsreich die ersten Minuten des Longplayers auch verstreichen, zum Ende hin ist der Unterschied zwischen „Still Hold You In My Head“ und „Maybe We Should Live Together“ nicht eindeutig auszumachen. Oftmals ist die Ähnlichkeit zwischen den Songs genauso verblüffend wie die Eigentümlichkeit. Mit dem Akustiksong „Believe Me Outro“ versuchen Elephant aber nochmals gezielt mit der Spitzhacke ins Eis zu schlagen, als würden sie um jeden Punkt Einzigartigkeit kämpfen und doch nicht den Eindruck einer x-beliebigen schwedischen Band hinterlassen wollen.

Das Bemühen, „Icebreaker“ nicht nach aalglatten Tonstudioaufnahmen klingen zu lassen, ist unüberhörbar. Songs wie „Again You Lose“ oder „Talking“ wären absolut unauthentisch, wären sie nicht so kernig. Aber nicht allein Simons rauchige Stimme trägt dazu bei. Unwirsche (Bass-) Gitarren verschwören sich zusammen mit temperamentvollen Drums und leicht entrückten, dennoch melodieverliebten Kleininstrumenten zu wahrhaftigen Biestern. Ungezähmt, aber nicht herzlos, brechen sie zwar keine riesengroßen Eisbahnen, dennoch schaffen sie es, in 42 Minuten keine musikalisch bedingten Depressionen oder Ansätze davon beim Hörer hervorzurufen. Dazu steckt ein winzig kleiner Hauch zu viel Indie in ihnen. Vielleicht ist Grunge aber heute auch einfach Indierock.

Julia Fischer für Valve-Magazine.net

Bewertung: 3/5

Tracklist:

01) Believe Me
02) Closer
03) Everything Stops
04) Talking
05) Panic Syndrome
06) Again You Lose
07) It’s Nothing
08) This Long Road
09) The Freak
10) I Remember I Said
11) Still Hold You In My Head
12) Maybe We Should Live Together
13) Believe Me Outro

Highlights: Believe Me, Closer, Again You Lose
Lowlights: It’s Nothing, The Freak, Still Hold You In My Head

Web:

www.myspace.com/elephantsweden

HEALTH: Get Colorhealth-get-color-album-art (Lovepump United/City Slang/Universal, 18.09.2009)

Schön, dass es endlich eine Band gibt, die sich ausgiebig und aufopfernd um die Gesundheit ihrer Mitbürger und Mitbürgerinnen kümmert und sich dementsprechend betitelt. Die Rede ist von HEALTH, eine der wohl derzeit aufstrebendsten Noise-, Trash- und Electrochaos-Bands, die sich auch hierzulande immer mehr Beliebtheit erfreut.

HEALTH helfen wirklich, denn Sie fördern beispiellos und zielgerichtet die fünf Sinne ihrer Hörer! Die vier Jungs aus Los Angeles kümmern sich mit ihrem zweiten Studioalbum „Get Color“ rührend um Sehen, Schmecken, Hören, Riechen und Tastsinn des Menschen und tragen obendrein noch dazu bei, dass sich unsere Garderobe nicht nur auf Grau und Schwarz beschränkt, sondern plötzlich bunt glitzert und funkelt und geradezu nach Disco schreit. Gut gekleidet potenziert sich doch der Wohlfühlfaktor reibungslos und hebt mit Sicherheit auch das Ansehen bei anderen Bandmerch-Besitzern, die ganz bestimmt vor Neid erblassen würden bei den schrillen Farben, die HEALTH in ihrer T-Shirt-Linie präsentieren. „Get Color“ hält, was es verspricht und Shirts sowie Cover sind die reinsten Augenweiden, Blickfänge und Blendwerke.

Zur Bewusstseinssteigerung bedarf es also nicht immer diverser illegaler Hilfsmittel, auch wenn die LP teilweise klingt, als wären Drogen im Spiel gewesen. Für die auditive Wahrnehmung ist das Album mehr Schmaus als Graus.

„In Heat“ ist im Grunde reiner Noise mit einer gewissen Ordnung, kurz und auf den Punkt kommend und klingt gesanglich leicht psychedelisch, so als hätten sich Caribou mit Battles zusammengetan. Genauso verhält es sich mit „Die Slow“, einem der melodiösesten Titel und in Anbetracht der Selbstcharakterisierung mit den drei schönen Worten „Noise/Disco/Fashion“  ist „Die Slow“ wirklich einer der stylishen unter den 9 Tracks.

Die haptische Wahrnehmung, also der Tastsinn, kommt auch nicht zu kurz, denn bei den Beats und Bässen, bei diesen Rhythmen, Geschwindigkeiten und dem offensichtlichen Drang nach regelrechter Verwirrung wird körperliche Ertüchtigung zu „Get Color“ definitiv nicht fehlen. Warum sollte man auch bei „Severin“ oder „Eat Flesh“ still sitzen bleiben? Womit wir auch schon beim Schmecken wären, der – wissenschaftlich ausgedrückt – gustatorischen Wahrnehmung. Schmeckt der Hörer hier  nicht  den Schweiß aller vier HEALTH-Bandmitglieder im Mund, hervorgebracht durch die ausufernde musikalische Extase, der die ganze Mühe zugrunde liegt? Schmeckt er nicht die zig Liter Bier, die daran glauben mussten, nur um die Arbeit für dieses knapp 33 Minuten lange Album erträglich zu machen? Imponieren ihm nicht der Spaß und der Stolz, die beide während der Aufnahmen entstanden und gewachsen sein müssen? Man sollte schon alle Sinne beisammen haben, um diese Art von Musik zu mögen. Sie riecht auf jeden Fall nach einer Menge Herzblut.

„Nice Girls“ schmettert, als würden HEALTH auf ein Klettergerüst einschlagen  und dabei Melodien erzeugen, die energiegeladener nicht sein könnten. Von „Death+“ gar nicht zu reden – so klingt also der Tod, wenn er gut gekleidet ist. „Ungesund!“, würden hier manche rufen, aber spätestens beim Aufbau des charmanten Spannungsbogens gibt es wieder Adrenalin en masse: für den Kreislauf kann das nur gut sein.

„Get Color“ ist definitiv Krach mit System und das alles tun HEALTH nur für unser Wohlbefinden. Der Name ist tatsächlich Programm. Und wenn es auch nicht die Discomusik ist, die so manch einer erwartet, man kann sich durchaus doch dazu bewegen.

Von den gesundheitsfördernden Klängen darf sich in einigen Städten bald selbst überzeugt werden, denn HEALTH sind vom 13.10. bis 18.10.2009 in Deutschland auf Tour.

Julia Fischer für Valve-Magazine.net

Bewertung: 4,5/5

Tracklist:

1)   In Heat

2)   Die Slow

3)   Nice Girls

4)   Death+

5)   Before Tigers

6)   Severin

7)   Eat Flesh

8)   We Are Water

9)   In Violet

Highlights: In Heat, Die Slow, Nice Girls, Death+, We Are Water

Lowlights: In Violet

Web:

http://www.healthnoise.com/

http://www.myspace.com/healthmusic

Florence + The Machine: Lungs                                                           (Island/Universal, 10.07.2009)lungs_cover

Lügen, Missverständnisse, Erwartungen, Enttäuschungen, Eifersucht, Rache und Blindheit sind nur einige aufzuzählende Attribute, die Florence Welch von Florence + The Machine in ihrem Debütalbum „Lungs“ metaphorisch präsentiert. Um nicht zu sagen orkanisiert, denn von dem Stimmvolumen der jungen Londonerin können sich so manche Kates, Katys, Natashas oder Lillys noch etwas abgucken. Keine andere Frau bringt derzeit so emphatisch und energisch eigens geschriebene Liebes- und noch besser, Hasslieder auf den internationalen Pop-Markt. Dabei lebt sie doch eigentlich in einer glücklichen Beziehung, ist sowieso der totale Familienmensch und vermisst eben diese nichts sehnlicher, wenn sie durch die Länder tourt. Von sich selbst sagt sie, ein Extrem zu sein. Entweder hochmotiviert, überglücklich und kreativ, oder am Boden zerstört, frustriert und schlecht gelaunt. Das Glück der Welt liegt ihr -  zumindest im Moment – zu Füßen. Das beweist der kürzlich erhaltene  Brit Award, der Plattenvertrag und natürlich der Hype, der Florence + The Machine auf die Bühnen Europas bringt.

Bereits zu Beginn des Albums wird schnell klar, dass es sich bei Florence um eine starke, toughe und vor allem lebhafte Frau handelt, die alle mit ihrer Stimme niedersingen könnte. Da bekommt das Wort „Stimmgewalt“ gleich eine neue Bedeutung, geht es doch im Verlauf des Albums immer wieder um Rache an der Liebhaberin des Freundes und am Freund selbst.

„Dog Days Are Over“ beeindruckt dennoch entgegen aller jetzt entstandenen Annahmen über Misere und Leid der Florence Welch mit ganz viel Pathos und geradezu fröhlichen Melodien, preschenden Drums und der endlosen Energie der Sängerin. Mit dieser so gesehenen Leichtigkeit erinnert die Band glatt an die fünf Schwedinnen von „Those Dancing Days“, die ihre Songs ähnlich resolut angehen. „Rabbit Heart (Raise It Up)“ hingegen tendiert mit enthusiastischer Mehrstimmigkeit eher in Richtung Bat For Lashes und zieht weiter zum ebenso poppigen „Howl“, dem man die Verärgerung über betrügerische Ex-Freunde deutlich entnehmen darf.

„I’m Not Calling You A Liar“ scheint zunächst eher von ruhigerer Natur, trohnt dennoch bald wieder mit der bereits obligaten und hier besonders anklagenden Stimmenvarianz auf. Florence ist wütend auf ihren Partner, er hat sie betrogen, aber sie will ihn dennoch nicht verlassen, hat sogar Angst davor: „There’s a ghost in my lungs/ and it ties in my sleep/ wraps itself around my chest/ as it softly sleeps/ then it walks with my legs/ with my legs/ to fall at your feet“.

Weiter geht es mit der Singleauskopplung „Kiss With A Fist“, was kurz und schmerzhaft ist, also gerade richtig für den ultimativen Geschlechterkampf. „Girl With One Eye“ hingegen richtet sich an die verhasste Affäre des Freundes. Ruhig, aber bedrohlich ist hier anfangs noch das Motto, doch was einigermaßen lange währt, wird trotzdem nicht gut, denn so richtig beherrscht sein kann sie einfach nicht. So geht es Song für Song. Das macht aber nichts, denn manchmal muss man eben etwas lauter werden, um sich genügend Gehör zu verschaffen.

„Between Two Lungs“ ist mit Abstand die am interessantesten formulierte Liebeshymne des Albums, wird doch ein nebeneinander schlafendes Paar mit dem Fluss des Atems zwischen den Lungen unsichtbar miteinander verbunden. Es schlicht das „Band der Liebe“ zu nennen, wäre an dieser Stelle wohl vermessen und weitaus weniger poetisch.

Schön auch, dass es ein The Source ft. Candi Staton-Cover von „You’ve Got The Love“ gibt, das unverschämterweise auch noch zehn Mal besser als das Original klingt und absolut Spaß macht zu hören.

Trotz ihrer sehr markanten Stimme gelingt es Florence nicht ganz, die experimentelle und teilweise folkige Art der „Machine“, also im Prinzip den Rest der Band,  in den Hintergrund zu stellen. Mehr noch bildet sie ein zusätzliches Instrument, das wunderbar mit den anderen harmoniert. „Lungs“ ist eine Spielwiese vieler verschiedener Klangfarben und -formen und gerät durch den zauberhaften Einsatz sämtlicher Instrumente wie Klavier, Harfe, Percussions, Schellen oder Sythesizern zu einem 13 Songs langem Gesamtkunstwerk.

Julia Fischer für Valve-Magazine.net

Bewertung: 4/5

Tracklist:

01. Dog Days Are Over
02. Rabbit Heart (Raise It Up)
03. I’m Not Calling You A Liar
04. Howl
05. Kiss With A Fist
06. Girl With One Eye
07. Drumming Song
08. Between Two Lungs
09. Cosmic Love
10. My Boy Builds Coffins
11. Hurricane Drunk
12. Blinding
13. You’ve Got The Love

Highlights: Kiss With A Fist, Howl, You’ve Got The Love
Lowlights: I’m Not Calling You A Liar, My Boy Builds Coffins

Web:
www.myspace.com/florenceandthemachinemusic
www.florenceandthemachine.net

Zum Anschauen bitte anklicken und Vollbildmodus einstellen!


Bild 1

Ólafur Arnalds - Ljósið

Empfehlungen nach Art des Hauses

Band: Endlos

Album: Kein Grund, zufrieden zu sein ( Juni 2006)

EP: Das musste ja so kommen ( April 2004)

>> kostenloser Download/Bestellung möglich <<

**********************************************************************

Nunja, es ist schon ein paar Jährchen her, dass Daniel Graumüller und Mario Kreuzer alias Endlos ihre Platten „Kein Grund, zufrieden zu sein“ und „Das musste ja so kommen“ ins virtuelle Schaufenster gestellt haben. Aber, was lange währt, wird endlich gut und so finden Album und EP auch jetzt noch in die hiesige Liste von Empfehlungen.

dmjsk_cover

Das musste ja so kommen

01 das mit der orgel(5,7 MB)
02 die andere seite(6,6 MB)
03 am stau(5,3 MB)
04 novemberwind(3,9 MB)
05 so mir nichts, dir nichts(1,6 MB)
06 vorsicht stufe!(2,1 MB)
07 fernsehn hab ich nie gelernt(6,5 MB)
08 zartbitter(6,3 MB)
09 weiße, helle punkte(5,8 MB)
10 es wächst uns über den kopf(8,9 MB)

Auf Platte beeindrucken Endlos nämlich mit fast schon philosophischer Elektronik, die ästhetischer, intelligenter und überlegener nicht sein könnte. Die Songs leben von unendlichen Zeilen aus Wärme, Geräuschen aus Nebel und Großstädten aus Ideen. Laut Band-Biografie „waren die Stücke anfangs noch von geradlinigen Bassdrums geprägt, man stellte aber rasch eine merkwürdige Vorliebe für gebrochene Rhythmen, Bitcrusher und knisterndes Elektronikgefrickel fest“.

kgzzs_cover

Kein Grund, zufrieden zu sein

01 firlefanz(3,1 MB)
02 renne durch dein leben(8,8 MB)
03 gestern warst du anders(4,3 MB)
04 hallo welt(5,3 MB)
05 tapetenwechsel(7,6 MB)
06 ichundheutfrüh(6,8 MB)
07 pustekuchenblume(7,8 MB)
08 so ein langer name und dann so ein kurzes lied(1,8 MB)
09 hast du viele hast du keine(10,1 MB)
10 ich bin dur(8,7 MB)
11 ist das alles(10,3 MB)
12 was bleibt(1,4 MB)

Glück ist, wenn es zwei so wunderbare Platten legal und kostenlos als Download gibt: www.endlos-toene.de

placebo_bftsPlacebo: Battle For The Sun (Dreambrother, PIAS, Rough Trade, 05.06.2009)

Placebo haben in ihrem Leben bisher so einiges erreicht. Nach 15 Jahren Banderfahrung, 2 Besatzungswechseln am Schlagzeug, mehrfachen Auszeichnungen und einer guten Hand voll Studioalben, kehren sie nach 3 Jahren mit „Battle For The Sun“ zurück. Nicht präsent waren sie ja nie: überall und ständig Konzerte, Videos, Interviews, Storys. So erzählt Brian Molko in der aktuellen Kulturnews, er wolle nicht erwachsen werden. Lieber möchte er sich unentwegt aufführen wie ein Teenie – deswegen mache er Musik und bezeichnet Placebo als sowieso vollkommen untypische Rockband. Ob es die klassische Rockband überhaupt gibt, sei mal dahingestellt, wir bewegen uns immerhin in einer Szene, in der nichts ist, wie es scheint.

Die Band, die sich ehemals „Ashtray Heart“ nannte, ist eher merkwürdig und eigenbrötlerisch als typisch,  bekennt Molko selbst. Anstrengend ist er, gibt in Interviews fragwürdige Antworten, wird dennoch als liebenswert eingeschätzt und denkt sehr viel an Fans und Sympathisanten. Für die hat er wirklich ein gutes Gespür, das beweist „Battle For The Sun“. Ganz anders als das im Jahr 2006 erschienene Album „Meds“, was fraglos auch den ein oder anderen Hit  beherbergte, aber mehr depressiv als impulsiv ausfiel, lassen sich die 13 neuen Songs schon um einiges leichter aufnehmen.  Eventuell etwas zu leicht.

Mit Schuld trägt natürlich der neue Drummer, Steve Forrest.  Der sollte mit seinem 22jährigen Dasein „frischen Wind“ in den vermoosten Sound von Placebo bringen. Frisch ja, allerdings nicht im Sinne von neu oder angenehm kühl. Eher hat der junge Kalifornier Brian Molko und dem Schweden Stefan Olsdal nach eigenen Angaben aus einer recht deutlichen, sehr pessimistischen Phase herausgeholfen. Was das neue Album allerdings nicht zu einem Mallorcasonnensommeralbum macht. Es schäumt natürlich nicht über vor Fröhlichkeit, da Molkos Stimme allein dafür gänzlich ungeeignet ist, so dass ein gewisser Hauch Melancholie immer noch über dem Album schweben darf.
Aber das ist das Gegenteil von Schlimm! Schlimm ist eher, dass die Platte erneut  zu kommerziell und massentauglich geworden ist.
Placebo haben ein sensationelles Empfinden für Festivalsongs, simple Melodien und Eingängigkeit. Ein Glück für die Fans, denn die Songs könnten von ihnen, egal ob mehr oder weniger angeduselt, problemlos mitgesungen werden.

Aber keiner der Titel lässt wirklich viel Interpretationsspielraum, eher noch folgt jeder klar einer eigenen Linie und lebt vor allem von zigfachen Wiederholungen im Text. Passt zum sommerlichen Festival wie die Faust aufs Auge!
Es gibt natürlich auch einige durchdachte Passagen, profundes Songmaterial sieht dennoch anders aus.
So mühelos sich „Kitty Litter“ einprägt, so schnell geht es auch bei „Ashtray Heart“, „Battle For The Sun“, „For What It’s Worth“ und alles was danach noch kommt. Das Problem ist einfach, dass es keinen wirklich großartigen Reißer gibt, der das Album doch noch zu etwas Besonderem machen kann. Die Songs sind astrein gegeneinander austauschbar. Sollen sie ja auch, laut Molko, denn ein Konzept steht nicht hinter dem Album. Für eingefleischte Placebo-Fans ist die aktuelle musikalische Entwicklung der Band selbstredend in Ordnung! Bei anderen, die erst überzeugt werden müssen, hat „Battle For The Sun“ jedoch keine Chance. Vielleicht ist das eben der Preis der Leichtigkeit, den sonst nur Teenager zahlen. Molko will es so.

Julia Fischer für Valve-Magazine.net

Bewertung: 3/5

Highlights: -
Lowlights: -

Tracklist:
01. Kitty Litter
02. Ashtray Heart
03. Battle For The Sun
04. For What It’s Worth
05. Devil In The Details
06. Bright Lights
07. Speak In Tongues
08. The Never-Ending Why
09. Julien
10. Happy You’re Gone
11. Breathe Underwater
12. Come Undone
13. Kings Of Medicine

Web:
www.placeboworld.co.uk
www.placeboworld.de
www.myspace.com/placebo

follow me on twitter: http://twitter.com/heartenough

ich bin die mit dem vogel…

sc0017f07e01

PACKSHOT_MAINSinner DC: Crystallized, (22.05.2009, Ai/Groove Attack)

Als Crystallization bezeichnet man die menschliche Abnabelung von der greifbaren Welt und eine damit verbundene soziale Isolation, die mehrere Stunden andauern kann. Die Ursachen liegen meist beim Menschen selbst und dessen Willen, Mit- und Umwelt aus verschiedensten Gründen den Rücken zu kehren und sich stattdessen auf eine ausgedehnte gedankliche Reise zu begeben.

Der Mensch hofft meistens, durch diese Abkapselung der Realität zu entkommen und sich seinen Träumen zu widmen. Crystallization ist eine Art Flucht vor existenten Gegebenheiten.

Zweckmäßige Hilfsmittel für die Cristallization sind bewusstseinserweiternde Musiktitel oder im Idealfall natürlich ganze Alben, welche ohne Umschweife in einen ungewöhnlichen Bann ziehen, so dass die immaterielle Retraite sofort gewährleistet werden kann. Wir reden aber weder von Chopin noch von Beethoven.
Als Beispiel ist hier zur Zeit das Album „Crystallized“ von Sinner DC zu nennen, einem aufstrebenden, aber leider bisher ungekrönten Schweizer Elektro-Trio, das nach mehreren Versuchen an Gitarren den elektronischen Weg einschlug und sich damit zweifelsohne auf der Erfolgsschiene befindet.

Doch „Crystallized“ ist wieder eines dieser IDM-Alben, das sich rein gar nicht im Club wiederfinden wird. Kein Hindernis für Sinner DC. Man darf musikalische Vergleiche mit Apparat; Trentemøller oder den Regensburgern A Hundred Times Beloved anstellen – jedoch nur unter Vorbehalt! Denn anstatt bei der auditiven Wahrnehmung in gedankliche Höhenflüge zu verfallen, beschleicht einen eher ein merkwürdig klammes Gefühl.

„Go for  the stream“ erinnert mit seiner kühlen, minimalistischen Melodie ebenso an Nathan Fakes ruhige Momente und „Anyway“ lässt mit sphärisch wirkenden Bläsern, und unaufdringlichen Lyrics kurz Gedanken an die Briten von Archive aufkommen , bevor diese sich jedoch wieder in Luft auflösen. Zu eigen sind Sinner DC nämlich, musikalisch verträumter und weniger experimentell. Sie sind elektrisierend, wenn man so will, oder eben kristallisierend. Auch wenn „Golden Horses“ dem damals spacigen BBE-Techno-Stil bereits sehr nahekommt und – es passt fast gar nicht richtig zu den anderen Songs – stürmischer wirkt, verfällt man bei „V“ oder „Sunrized“ doch wieder in die anfängliche Lethargie. Es ist bei dieser Art Musik einfach nicht möglich, sich in einen himmelhochjauchzenden Zustand zu versetzen. Dabei strahlt die Platte nicht einmal große Melancholie aus, sondern vielmehr eine gewisse dynamische Schwermut.

Als würde „Digital Dust“ gegen diese Gemütslage ankämpfen wollen, versucht es sorglos und warm zu wirken. Ist ja wirklich nett gemeint, aber „Coast“, der letzte Song, liefert wieder diese merkwürdige hypnotisierende Düsternis und man verlässt die knappen 40 Minuten konfuser denn je.

Einen sehr seltsamen Charakter hat dieses Album: Man wird verwirrt sich selbst überlassen und von einer völligen Leere übermannt. Alles an Gedanken scheint plötzlich trivial und ein riesiger Kloß sitzt im Hals. Verklärter Blick nicht ausgeschlossen. Zum schönen Tagträumen ist „Crystallized“ gänzlich ungeeignet. Aber hervorragend zum Sinnieren.

Julia Fischer für Valve-Magazine.net

Bewertung: 3,5/5

Tracklist:

01.    Go For The Stream
02.    Anyway
03.    Golden Horses
04.    The Medium Is The Message
05.    V
06.    Sunrized
07.    Glass Alley
08.    Digital Dust
09.    Coast

sinner_dc_photo2_L

www.sinnerdc.com

www.myspace.com/sinnerdc

www.lastfm.de/music/Sinner+DC

„Sie wollen alle etwas Neues schaffen, aber bei dieser neumodischen Musik werde ich immer wieder an einen Hühnerhof erinnert, auf dem ein Knallfrosch explodiert ist.“
(Shagan in „Die andere Welt“, 1966)

Our Broken Garden: Lost Sailor EP (Bella Union, 28.04.2008)

Die haben es einfach drauf, diese Skandinavier! Dass aus der Ecke Schweden schon seit einiger Zeit ziemlich gute Bands kommen, wissen wir ja spätestens seit Jeniferever oder Audrey. Und dass sich die Dänen rund um Efterklang ihre ganz eigene musikalische Welt eröffnet haben, ist uns mit deren ersten Album Tripper auch ziemlich klar geworden. Aber dann auch noch so eine Wucht von Frau rauszuhauen, hätten Efterklang wenigstens vorbereitend ankündigen können. Ich meine, hallo?, so was wie „Vorsicht! Bitte alle schon mal festhalten, im April wird unsere Anna ihre eigene EP veröffentlichen, das wird’n ganz großer Knaller und danach könnt ihr euch auch gleich noch das Album kaufen, das euch alle aus euren indiebritpopverseuchten Socken hauen wird!“ hätte freundlicherweise schon mal drin sein können! Inwieweit die Vorwarnung bezüglich Our Broken Garden tatsächlich ablief, lässt sich leider nicht mehr rekonstruieren und nun ist es eh Wurscht. Die EP ist bereits in aller Munde, die Taschentücher sind gezückt und das aus sehr gutem Grund! Es ist ein ganz herzzerreißendes Werk voller Weltschmerz, Melancholie und Leid, elfenhaft zart vertont von Anna Brønsted und das wahrscheinlich mit der puren und echt fiesen Absicht, allen Leuten jegliche Lebensfreude für knappe 20 Minuten zu rauben.
Mit absolutem Downtempo-Charakter werden dem Hörer sechs in Kummer und Schwermut getauchte, überirdische Songs entgegengetrauert und damit das letzte Fünkchen Hoffnung ausgehaucht. Als kleine Geschichte betrachtet, sieht die EP von Our Broken Garden ungefähr so aus:

Um dem beruhigenden Wellengang des Meeres zu folgen und klare Gedanken zu fassen, findet sich der Seemann zusammen mit seiner Geliebten auf einem Schiff wieder. Doch ein plötzliches Unwetter erfasst das Schiff, das Paar wird über Bord geworfen und strandet irgendwo an einem Ufer. Die große Liebe des Seemanns liegt reglos im nassen Sand; sie hat das Unglück nicht überlebt.
So grob exzerpiert klingt alles irgendwie nach einem billigen Liebesdrama, doch wie Frau Brønsted diese Geschichte in Worte gefasst, wie sie diese Worte melodisch vertont hat und wie sich die Töne auf das  willige Gemüt eines Hörers auswirken, das hätte Rosamunde Pilcher nicht mal in ihren kühnsten Träumen geschafft.
Ein wahres Wunderwerk an einem Lied ist das letzte: „Ashes“. Eine melodisch und textlich intimere Liebeserklärung wie die des Seemanns wird es wohl nicht mehr geben können. Wer diese Liebeserklärung übertrifft, möge sich bitte bei mir melden!
Und wer diese EP übertrifft, der bekommt ne Urkunde, den Ritterschlag samt Adelstitel und ein Eis.

Julia Fischer

www.myspace.com/ourbrokengarden

www.last.fm/music/Our+Broken+Garden

www.bellaunion.com/artist.php?artcode=ourbrokengarden

End Pilot Warm Up in Erfurt, 26.09.2008

Was für ne Nacht in Erfurt!! Ef und Bodi Bill, gehts noch besser?? Zumindest mit Corwood Manual kann man ja behaupten, dass der Abend im Stadtgarten musikalisch als kleines Meisterwerk durchging. Schade, es war keine richtige Bühne vorhanden, aber ein Publikum als Sichtschutz!
Corwood Manual gab uns zuerst die Ehre. Er hatte ein feines Repertoire an Musik aus Strom und Stimme. Wenn seine Songs ne Süßigkeit wären, dann Bonbons mit Himbeergeschmack! Lecker, zuckrig, zergeht auf der Zunge! Durch die nichtvorhandene Bühne konnte man leider keinen der beiden ersten Künstler so wirklich visuell erfassen. Ef waren wirklich kaum zu sehen (so groß sind die ja auch nicht), zumindest nicht beim Spielen auf…….dem Boden. Ihre Songs waren von den Platten bekannt, live auch recht überzeugend, aber anscheinend nicht für alle der dort Versammelten, denn das Gequatsche war absolut zu laut und hat wirklich gestört! Ein bisschen mehr Ehrfurcht in Erfurt, bitte!
Bodi Bill. Die Jungs haben die Misere mit der Nichtbühne gut erkannt und diverse Möbel zum Draufstellen und -tanzen „verbraucht“. Und waren so heiß dabei, irgendwas hätte (rein von der Logik her) Feuer fangen müssen. Überall Beats, Schweiß und Ekstase. Aber man soll ja aufhören, wenns am Schönsten ist und so ging die Nacht irgendwie viel zu schnell vorbei… Ef Sound Bodi Bill Sound Corwood Manual Sound

Our Broken Garden: When Your Blackening Shows                             (Bella Union, Cooperativ/ Universal, 26.09.2008)

Man macht sich schon ein wenig Sorgen um die gute Frau Brønsted. Nicht, dass die bereits genannte Lost Sailor EP schon deprimierend genug war – nein! Ein ganzes Album voller trauriger Stücke schloss sich im September an!
Was bedrückt diese Frau so sehr, um diese gewaltige Emotionslast in Form von neun hinreißend traurigen Songs loszuwerden? Und was ist das für eine Band, die kein Wort gegen knapp 38 Minuten Dauermelancholie sagt, sondern eher fleißig den Downtempo-Takt gibt?  Zudem verdreifacht diese Musik den Weltschmerz aller Besitzer nichtsahnender Ohren. Mehr oder weniger gespannt auf neue Klänge sitzt man vor den Boxen und verliert sich beim Hören von „When Your Blackening Shows“ nach und nach immer mehr in Schwelgereien und Gedankentiefe. Die letzte Klausur verkackt? Hund gestorben? Schluss gemacht oder Abschied genommen? Anna Brønsted versteht es, sämtliche Gefühlswelten zu dramatisieren. Psychologisch gesehen kann man sich da natürlich auch in etwas hineinsteigern. Musikalisch gesehen ist es aber auch ein Glanzstück unter den sachten Pop-Scheiben.

Das ganze Album erklingt dennoch in einem solch bekümmerten und desolaten Ton, dass es für seelisch Unbeirrbare nach einigen Hördurchgängen lahm und reizlos wirkt.
Der lyrischen Komponente und den liebevoll geformtem Melodien gewidmet, entdeckt man aber auch schnell die bezaubernde Originalität der einzelnen Songs. Dazu trägt unter anderem das zart dahergehauchte „Anchoring“ bei, gilt es doch neben dem Opener „Watermark“ als nachdenkliches Highlight der Platte. Große Überraschungen wie Ausbrüche gibt es nicht. In der Ruhe liegt eben die Kraft. So ist es durchaus möglich, eine traurige Freundschaft mit „When Your Blackening Shows“ zu schließen. Man sollte sich aber aus gesundheitlichen Gründen trotzdem noch ab und zu mit Freunden treffen, die fröhlicheren Gemütes sind.

Julia Fischer

For The Thoughts You Never Had by Eagleowl

Eagleowl: For The Thoughts You Never Had EP (Fife Kills, 18.08.2008)

Eagleowl machen seit 3 Jahren modernen Folk (Nu-Folk), der sich ebenso an aparte Country-Klänge anlehnt und bezeichnen sich nach langen Überlegungen selbst als Lo-Fi Post Folk aus Edinburgh. Ähnlich der Band Low sind sie ebenso dem Slowcore zuzuordnen. Genregemetzel hin oder her, Eagleowl haben eine hörbare EP mit fünf sympathischen Songs herausgebracht, deren Auflage allerdings auf 500 Stück limitiert ist, also beeilen! Allein die liebevolle Aufmachung des CD-Case lohnt den Kauf, der Inhalt ist dann nur noch das Tüpfelchen auf dem i, oder ist es eher umgekehrt? Fakt ist: dieses DIY-Produkt enthält eine Mischung aus sehr persönlichen, ruhigen und melodisch anmutigen Stücken, die eine Wärme ausstrahlen, dass das Kaminfeuer praktisch schon zu riechen ist.

Die instrumentale Ausrüstung bleibt bei „For The Thoughts You Never Had“ minimal. Im Opener „Sleep Tide“ wären die Stimmen der beiden Sänger Bart und Clarissa zweifelsohne ein wirklich ausreichendes harmonisches Klangwerkzeug! Es gibt weder Drums, noch großartig anderen geräuschproduzierenden Klimbim. Aber das ist ja auch der ausschlaggebende Grund, warum diese Band dem Folk zugeordnet wird: Violine, Mandoline, Ukulele sind typische Instrumente für diesen Musikstil. Also wozu noch auf Bass, Drums und ´nem Mac rumpreschen? Klingt auch ohne gut!

Obwohl der taktgebende Computerbass im letzten Part „MF“ (man möge sich bitte den Songtitel dezensiert vorstellen) dann doch noch zum Einsatz kommt, bleibt die Verwendung dieser Elektronik so verschwindend gering, dass sich hier die Genreverkettung um das Attribut „Pop“ absolut nicht lohnt. Solche in sich versunkenen, melancholischen und nachdenklichen Songs, wie auf dieser Platte, sollte man lieber als Shoegaze in andante, Progressive Sadcountry, Neofolk, New Popular Ballads, Anti-Drum-Core, Prog-Folk oder Neoslowcorefolk taufen. Whatever. Bleiben wir einfach beim modernen schönen Folk.

Julia Fischer

www.myspace.com/eagleowlattack

www.eagleowlattack.co.uk

www.lastfm.de/music/Eagleowl

finn.: The Best Low-Priced Heartbreakers You Can Own         (PIAS/ Rough Trade, 05.09.2008)

Es ist ein Drama! Nicht nur die Struktur des Drittwerks „The Best-Low-Priced Heartbreakers You Can Own“ von Patrick Zimmer alias finn. entspricht diesem Terminus, sondern auch der gesamte Eindruck, der nach dem Hören des Albums entsteht, kommt einem Drama gleich!
Aufgenommen in den jahrhundertealten Grabmälern unter Hamburgs Straßen, verzichtet Zimmer im  Gegensatz zu den beiden Vorgängern gänzlich auf Elektronik. Dafür zückt er des Öfteren seine Akustikgitarre und wird umschwirrt vom eigens gecharterten Orchester, unter anderem mit Musikern der Band Kante. Natürlich steigt dadurch der Gebrauch theatralischer Klangschwaden mehrfach an, riecht aber auch verdächtig nach den Gefährten aus Island.

Es ist ein Kunstwerk! Weil es so gewollt und künstlich klingt. Aber immerhin, es ist ein Kunstwerk. Selbst, wenn der Fokus nicht auf dem 5-Akter liegen würde, der ungeschulte Hörer bekäme trotzdem mit, dass es sich hier um ein reines Konzeptalbum handelt. Und dazu genügt wirklich nur finn.’s wehmütiger und leidvoller Gesang, der ab und zu von den bereits erwähnten Orchesterklängen und den Akustikparts abgelöst wird.
Der Eine wird Zimmers Stimmlichkeiten als schüchtern und zurückhaltend oder auch pathetisch bezeichnen. Der Andere nimmt es leider nur als jämmerliches, wehklagendes Gejaule wahr. Sigur Rós-Attitüden sind eben doch nur im Original ertragbar! So hat finn. nichts Authentisches, geschweige denn Neues geschaffen.

Der Vergleich mit Sigur Rós ist allerdings kein unbekannter und doch stellt Zimmer selbst ihn in Frage. Dabei hat er es doch eigentlich schon erkannt: Eine Band wie Sigur Rós, die weniger Wert auf Text, sondern ihr Hauptaugenmerk eher auf Melodie, Stimme, Klang und äußere Hülle legt. Ein Patrick Zimmer, dem die reine Musik wichtig ist, der Texte als Beiwerk, als sekundäre Zutat betrachtet, die nur unterstreichen soll, was man mit der Musik ausdrücken möchte.

Wo hinkt da der Vergleich?

Es ist hoffentlich nur mäßig Inspiration! Das Album hat natürlich einige hochinteressante Stellen und ist rammelvoll mit guten Ideen! Wenn das Orchester einen Song wie „Julius Caesar“ oder „This Can“ brachial aufhübscht, hat das sicherlich einen erhabenen Charakter. Das Engagement der Bläser in „Boy-Cott“ ergänzt die traurige Wesensart des Titels ungemein! Fortgesetzt wird das ganze im bedeutend kürzeren „Girl-Cott“, bis dann im nächsten Song „Dew“ die Akustik zarterweise zum Einsatz kommt. Zimmers Gitarrenparts sind obendrein wirklich schön, heben sie doch sein Singer/Songwriter-Dasein zuätzlich hervor.
Die oft eingesetzte tiefe Stimmlage als Ergänzung geht vollkommen in Ordnung. Sie hat einen warmen, weichen Klang, dem man auf angenehme unangestrengte, sich verlierende Weise lauschen könnte. Jedoch krampft sich auch hier schon wieder ein unendlich aufdringliches Näseln ins Ohr. Das kann doch auf Dauer nicht gesund sein! Hoffentlich nimmt sich in nächster Zeit kein weiterer Musiker vor, Songs in diesem Falsett-Stil zu fabrizieren.

Vielleicht klappt es ja bei finn.’s nächstem Album mit nicht ganz so quengliger Vertonung! Und bei einem Stück wie „For Mona“ hätte eventuell ein Schluck Whisky geholfen.

Julia Fischer

www.myspace.com/finndot

www.finnmusic.com/

www.lastfm.de/music/Finn.

Rogall & The Electric Circus Sideshow: st. (Perfect Toy Records/Our Distribution, 17.10.2008)

Der Titel des Albums bringt es ganz gut auf den Punkt: Willkommen im Zirkus! Wir haben hier ein Werk gezielten Entertainments und als Schauplatz dient die imaginäre Arena! Angefacht wurde das musikalische Feuerchen vom Berliner Sound-Tüftler und Club-Rocker DJ Rogall. Dieser beschreitet nämlich gänzlich neue Pfade gen Varieté und betritt die schillernde Manege mit „very smart people“, die er nicht lange überreden musste, an diesem Projekt mitzuarbeiten.

Direktor und Produzent dieses Spektakels ist Rogall selbst, die Revue-Dame spielt die Londoner Songwriterin Bev Lee Harling. Zudem holte sich Rogall noch seinen Kollegen und Acid Jazzer Robert Gallagher alias Earl Zinger für insgesamt vier Stücke ins Boot. Dessen Einfluss ist nicht von der Hand zu weisen, veröffentlichte er doch bereits 2004 mit „Speaker Stack Commandments“ ein varietéartiges Album.
Die Besetzung wird durch Farda P. ergänzt, der in der Dub-Band „Rockers-Hi-Fi“ den Gesang beisteuert. Außerdem ist der ehemalige Gitarrist von „Nick Cave & The Bad Seeds“ mit von der munteren Partie, ebenso mischen Henry „Strong Man“ Rollins und der Saxophonist und Multiinstrumentalist Steve Moss bei diesem urigen Gespann mit. Damit wäre die Freakshow auch komplett und ideal besetzt! Die Vorführung kann beginnen, Vorhang auf, Manege frei, Trommelwirbel, die Spannung steigt!

Die Show der Wahnsinnigen wird von Earl Zinger mit dem Stück „Nuts ’n’ Bolts“ angeheizt. Dieser bleibt aber auch der einzige Song des 12-Teilers, der vorübergehend einen nostalgischen Zirkuscharme versprüht, bis dann im nächsten Titel „Underground“ die bezaubernde Bev Lee Harling die Zirkusgestalten mit einer solch einnehmend charmanten Gesangsart betört, sexy und sinnlich, dass sich wohl jeder der Darsteller in diesem Schauspiel vor Begierde nicht mehr beherrschen kann! Das Moss-Saxophon gilt hier nahezu als Ergänzung der weiblichen Stimme und wird somit seiner Aufgabe für den Rest des Albums gerecht.
Rogalls DJ-Präsenz wird das erste Mal im Titel „Drive Into The West“ wahrgenommen. Der Zirkuszauber ebbt nämlich jetzt schon ab, der Beat regiert nun und erinnert in diesem Stück an die frühen Black Eyed Peas. Auch hier ertönt wieder die verwegene Tom Waits-Stimme Zingers, der sich auf einer verwunschenen Reise Richtung Westen befindet und dem man für seine linguistisch-erzählerischen Talente unbedingt ein Krönchen aufsetzen möchte.
Aber schon beim Titel  „After Last Night“ sind die Gedanken an Theater und Varieté bereits verglüht. Eher scheint Farda P. „The Hierophant“ mitten in der Nacht um das Zirkuszelt zu schleichen, um den Hörer mit dämonischen Worten wie „Only you can save you from yourself / No one else can take you from this“ mit entsprechend düsterer Melodik zu gruseln.
Im Laufe des Albums tauscht Steve Moss das Saxophon für „10 ft. tall“ gegen eine Mundharmonika ein und kassiert, dank seines virtuosen Gesangs und jeglicher perfekter Instrumentenbeherrschung, die verdienten Lorbeeren.

Und so lodert die Flamme eine knappe Stunde lang.
Es werden 12 verschiedene, groteske bis befremdende und manchmal auch alltägliche Geschichten und Empfindungen musikalisch umrahmt. Einzig in „Telephone Call“ bricht Earl „Sideshow Bob“ Zinger vor Anspannung und Überreizung fast zusammen, anstatt zu singen.

Das mitgelieferte Booklet ist noch eine Erwähnung wert, besteht es doch aus 20 gedruckten Holzschnitten, welche die Darsteller skurril, aber treffsicher verewigen.
Ebenso stattlich liest sich die Kurzgeschichte am Ende des Artworks, in dem es um das Leben des Kleinwüchsigen Hans Peter Rogall geht, der nach dem Zweiten Weltkrieg mit seiner Familie in die USA auswandert und dort versucht, mit seinem kargen Lebensunterhalt über die Runden zu kommen, bis er dank einer absurden aber ebenso erfolgreichen Idee zur Hauptattraktion des Landes wird.

Mit diesem Album werden alle Tanzfreunde voll auf ihre Kosten kommen, schließlich wird hier mit Bongo-, Jazz- und Elektronikklängen, manchmal auch Jive, Cha-Cha-Cha, Rockabilly oder Rhythm ’n’ Blues dick aufgetragen. Doch trotz der vielen Gattungen steppen der Bär, der Tiger und der Elefant immer auf der selben Stelle und kommen nicht wirklich voran! Es ist, als freue man sich auf ein Sechs-Gänge-Menü und bekäme sechs Mal nur die Vorsuppe. Immer der gleiche Rhythmus und trotz vieler verschiedener Sänger schwadroniert Tom Waits in einer Tour. Es gibt also keine richtigen musikalischen Höhe- oder Tiefpunkte.
Was hier einfach fehlt, ist der Tobsuchtsanfall des Zirkusdirektors, ein Kurzschluss in der Electric Circus Sideshow, ein bisschen Öl im Feuer, eben ein richtiger Kracher! Der mit den rebellierenden Bongos, den explodierenden Drums, dem meuternden Saxophon oder den kreischenden Freakshowfiguren, die wenigstens einen der 12 Songs zum Überkochen bringen! So bleibt es nur ein interessantes, aber leider harmloses und schnell wieder vergessenes Produkt im CD-Regal.

Julia Fischer für Valve-Magazine.net

www.myspace.com/rogalltheelectriccircussideshow

www.perfecttoy.de/projects/034_a.html

Polarkreis 18: The Colour Of Snow (Vertigo/Universal, 17.10.08)

Es ist so eingängig, das neue Album von Polarkreis 18, dass man sogar beim Aufwachen an einem Dienstag Morgen den Song „Allein Allein“ im Ohr hat! Dieser wurde aus gleichen Gründen von dem Radiosender Motor.fm aus dem Programm genommen – zu attraktiv für die Massen, sprich, zu Mainstream und damit der Independent-Playlist nicht mehr würdig.  Aber nach einem Labelwechsel zu Universal muss eine Band mit solchen Maßnahmen rechnen. Tut ihr dennoch keinen Abbruch, denn dafür wurde einfach der Opener „Tourist“ ins Motor-Programm genommen.

Aber immer schön der Reihe nach. Viel Kritik wurde ja schon am Albumtitel „The Colour Of Snow“ geübt. Unberechtigt, denn eins ist klar: es ist kein sinnlos hingekritzelter Titel, der auf dem von Kälte, Eis und Schnee lebenden Polarkreis-Konzept basiert.
„The Colour Of Snow“ ist der Name eines psychologischen Experimentes aus den 50er Jahren. Man wollte herausfinden, ob Autoritätspersonen wie Lehrer Kindern einer Grundschulklasse glaubhaft machen könnten, dass der Schnee nicht weiß, sondern schwarz sei. Tatsächlich ließen sich die Grundschüler beirren! Mit einer gewissen Überzeugungskraft verursachten die Lehrer derartige Selbstzweifel bei den Kindern, dass sie ihrer eigenen Sachkenntnis nicht mehr über den Weg trauten und die Farbe des Schnees für Schwarz hielten.

Polarkreis 18  legen also den Fokus bei ihrem Zweitwerk nun mehr auf die Botschaft, wobei die Emotionen, welche beim Hören entstehen, immer überragen. Stichwörter wie Freiheit, Sicherheit und der Glaube an sich selbst sollen sich als roter Faden durch den kompletten Zweitling ziehen.

Musikalisch gesehen gibt es auch eine interessante Entwicklung: Die jungen Dresdner trumpfen mit dem 65-köpfigen Filmorchester aus Babelsberg auf, welches vielen der Songs zu arrangiertem Größenwahn verhilft, aber nur genau so viel interagiert, wie nötig ist, um kein pompöses Protzwerk hervorzubringen.

Gedanklich in den abfahrbereiten Zug gesetzt und die winterliche Reise damit angetreten, trifft man zunächst auf den flüsternden Reisegefährten „Tourist“, der sich mit Hilfe vieler neuer Instrumente als wachsender Klang-Epos herausstellt, dennoch in keinster Weise einen Funken von Übermut verlauten lässt. Aber dafür ist ja sein Nachbar  „Allein Allein“ da,  besagter eintausend Stimmen starker Chartstürmer und aktuelle Hymne am großspurigen Pop-Olymp.
Ohne Computerfrickelei, dafür mit opulentem Orchester im Ohr begegnen wir im nächsten Abteil „Prisoner“,  dessen von Konzerten bekannte Melodie draußen am verschneiten Wegesrand steht und dem fahrenden Zug hinterherwinkt, während sich der Text im Zugabteil aufgeregt und zweisprachig mit Bläsern und Streichern unterhält.

Wir halten an und werden von „Untitled Picture“ warm empfangen. Dieser Song sticht zusammen mit „River Loves The Ocean“ als gefühlvolles Fragment aus dem sonst so bombastischen Soundgelage des Albums heraus. Mit schöner Stille und viel Erhabenheit sichern sie sich zwei der obersten Plätze auf der Liste der Highlights.
„The Colour of Snow“ dagegen wirkt wie eine fröhliche und tanzbare Schlitterpartie auf Eis. Von freundlichen Streichern gehalten und von ebenso freundlichem Pop vorangetrieben, steht man plötzlich vor dem dramatischen „Rainhouse“, wagt sich hinein und wird schutzlos von kaltem Regen erfasst! Unsicherheit und Pessimismus aller Art werden jedoch schnell durch die erlösenden Schreie des Sängers Felix Räuber der Tür verwiesen.
Wieder in der weißen Schneelandschaft, kreuzen sich die Wege mit dem Song „Name On My ID“, der sich als fragender Indie-Pop vorstellt und einen dicken Mantel aus behutsamem Gesang und zierlichen Gitarrenklängen trägt. Er hat jemanden mitgebracht: seine gute Bekannte „Happy Go Lucky“, eine behagliche, optimistische Pop-Ballade für kalte Dezemberabende, die in Begleitung des Orchesters den würdigen Abschluss der Winterreise bildet.

Obwohl sich der Grundgedanke der 10 Stücke mit zweifelnden bis fragenden Begebenheiten befasst, wird dieser gleichzeitig von derart warmen und hoffnungsvollen Klängen umgeben, dass alle pessimistischen Impulse rückhaltlos bezwungen werden. Somit entsteht letztendlich der Eindruck eines zuversichtlichen und euphorischen Gesamtwerkes. Verzückung pur!

Julia Fischer für Valve-Magazine.net

www.myspace.com/polarkreis18

www.polarkreis18.de

-It feels good that things are finally moving along-

(Peter Broderick)

peter_broderick

home2Peter Broderick: Home               (Bella Union, Cooperative/ Universal, 31.10.2008)

Peter Broderick streichelt die Saiten der Gitarre und fängt zart an zu spielen. Sein zweites Soloalbum „Home“ stellt den essentiellsten Bestandteil seines Lebens in Songform dar: die Musik selbst. Noten werden zu Tönen, Töne wachsen zu einem Lied heran, getragen von den sanften Klängen der Instrumente.

War sein erstes Album „Float“ stets vom Klavier begleitet, so spielt hier die Akustikgitarre als instrumentaler Rückhalt und oft auch als trauriger, aber wohlklingender Einstieg vieler Stücke eine bedeutende Rolle.

Der amerikanische Singer/Songwriter Peter Broderick tourte in den USA bereits mit vielen verschiedenen Bands und Künstlern wie Laura Gibson, Norfolk & Western oder seinem Projekt Horse Feathers, konnte sich dort dennoch nicht mit seiner eigenen minimalistischen Klaviermusik entfalten. Nach einer Einladung der Band Efterklang, die er live unterstützen sollte, zog es ihn nach Dänemark und damit gelangte er in eines der inspirierendsten Länder, die Europa im Hinblick auf experimentelle Musik zu bieten hat.

Mit Gitarre, Loop-Effekt und Laptop kreiert dieser Alleskönner bezaubernd traurige Töne, in sich gekehrt, intim, eigen, niemals laut, auch nicht vielseitig, aber immer bedacht auf bedrückt ästhetische Klänge. Mehrfach überlagert ergibt seine Stimme eine Art sakralen Chor, der warm und leuchtend nachhallt.
„Games“ lebt von eben dieser Besonderheit und leitet die Chose ein, um somit Wegbereiter für 10 wundervolle Stücke zu sein, die zwischen Indie, Folk und etwas Post-Rock ruhen. Bestechend unter ihnen ist „Sickness, Bury“. Ein Song, der so schön entmutigen könnte mit seinem tieftraurigen, deprimierenden Anfang, gestützt von Gitarre und Brodericks charakteristischer Gesangsart. Doch er wird größer und dichter, als würde plötzlich die Sonne aufgehen, Hoffnungsklänge beschleichen den dunklen Sound, die Traurigkeit wird begraben, so wie der Titel es verspricht. Ein Lied für die Zuversicht und für das Leben.
Mit „Not At Home“ und dessen träumerischen Akustik- und Orgelparts bietet Broderick nun auch noch die höchste Form einer Liebeserklärung an die Musik, die ein Künstler geben kann. Persönlicher geht es wirklich nicht, macht er hier doch deutlich, sich ohne Instrumente und damit Quelle für Töne und Schallkunst nirgends wirklich zu Hause zu fühlen.
„Games Again“ als letzter Titel möchte den Opener „Games“ wieder aufnehmen. Warum hat man das Gefühl, dass er ebenso gut „Home again“ heißen könnte?
Wo fast sakraler Gesang und folkartige Klänge in der Vorstellung eher unvereinbar scheinen, vermag Peter Broderick es, genau diese Brücke zwischen beiden musikalischen Erben zu schlagen. Damit ist dem Hause Bella Union mal wieder ein unendlich kostbares Juwel entsprungen.

Julia Fischer

www.myspace.com/peterbroderick

www.lastfm.de/music/Peter+Broderick

www.bellaunion.com/artist.php?artcode=peterbroderick

morkobot_morto1Morkobot: Morto
(Supernatural Cat, 21.11.2008)

Lin, Lan und Len sind die drei Gesandten des Sound-Monsters „Morkobot“, der ihnen die Aufgabe erteilt, seine düstere Musik auf der Erde zu verbreiten: „We play what Morkobot tells us to play“, sagen sie und wer die beiden Vorgängeralben „Morkobot“ und „Mostro“ nicht kennt, dem dämmert spätestens ab diesem Zeitpunkt, dass es sich hier nicht um Flauschmusik handelt, sondern härtere Geschütze aufgefahren werden.
Im letzten Kapitel von Morkobots erster Trilogie begegnet man gefährlich scharfkantigem Psychedelic Doom. Die oft gelesene Beschreibung „Space Rock“ ist leider etwas lahm; die Assoziationen können hier eher auf eine düstere Unterwelt zurückgeführt werden, als auf kühne Weltraumfighter.

Es ist schon fast Kunst, was die drei Italiener auf „Morto“ bieten: Absolute Drone-Kunst oder auch der schiere Wahnsinn an Getöse! Dieses wird zwar ab und zu mit Melodiespuren versehen, aber jedes mal, wenn man glaubt, einen musikalischen Lichtblick zu erhaschen, zermalmt die immer wiederkehrende Metallbestie Morkobot mit verstörenden Geräusch-Attacken alle Hoffnung auf kleine friedlichere Sequenzen.

Schon im ersten Part von „Morto“ wird dem Hörer durch Unmengen an harten, schmerzhaften Noise-Brocken der Boden unter den Füßen weggerissen. Brechreiz deutet sich an, es wächst ein Kloß im Hals und einfach aus Stressgründen möchte man die Stopp-Taste drücken. Doch wider Erwarten verdichten taktgebende Drums zusammen mit einsetzenden Bässen den Brei überraschend zu einer erkennbaren Sound-Struktur. Werden Morkobot etwa zahm? Nicht doch! Es bleibt ruppig und unheilvoll – das Instrumentalstück zerrt gekonnt in eine Welt ohne Licht.
Besonders erschreckend an der ganzen Sache aber ist die urplötzlich auftretende Stille. Aus dieser tonalen Finsternis nämlich muss einfach der nächste Angriff kommen, man spürt es genau! Unruhe macht sich breit, zugleich kommt man nicht umhin, sich so lange auf die Folter spannen zu lassen, bis Part 2 an seinen Vorgänger anknüpft und mit noch chaotischerer Instrumentenführung brutal auf sämtliche Sinne eindrischt. Es dröhnt wieder, es brodelt und hackt bedrohlich, jedoch wird der dritte und letzte Teil von „Morto“ noch einen Zacken schärfer: Tatsächlich stellen Lin, Lan und Len hier ihre Instrumental-Fähigkeiten samt aller Computer-Effekte noch einmal schonungslos auf die Probe und machen den kompletten 40-Minüter zu einem rasenden Psychotrip. Aber auch Monster scheinen einmal müde zu werden.
Die gefährliche Ruhe zum Schluss hinterlässt abermals eine leichte Panik. Lauert da vielleicht doch noch etwas?

Julia Fischer für Whiskey-Soda.de

www.myspace.com/morkobot

www.last.fm/music/morkobot

www.supernaturalcat.com

nothing_to_write_home_about1Yes But: Nothing To Write Home About (Knock Knee Records, 28.11.2008)

Müsste man Musik mit einer Farbe beschreiben, käme für den Yes But-Erstling „Nothing to write home about“ einzig der Farbton Beige in Frage. Beige ist ja eher ein unscheinbares leichtes Braun, sehr natürlich und unauffällig. Doch strahlt es auch eine gewisse Wärme aus. Alles Eigenschaften, die auch auf „Nothing To Write Home About“ zutreffen.

Dessen Farbgeber Niko und Tommy Ballestrem sind ein kreatives und musikalisches Geschwisterpaar aus München. Beruflich zunächst unterschiedliche Laufbahnen einschlagend, rauften sie sich vor einiger Zeit für ein gemeinsames musikalisches Projekt zusammen. Heraus kam dabei die britpoppige Band Yes But. Unterstützung an Gitarre, Schlagzeug und Bass wurde schnell gefunden. Als Label wählte man einfach das eigene,  Knock Knee Records.
Der Drehbuchautor Niko Ballestrem arbeitete bereits erfolgreich für diverse Filmprojekte. Dessen Bruder und angesehener Komponist Tommy verschrieb sich schon immer der Musik, beherrschte bereits im Kindesalter diverse Tasteninstrumente und Saxophon; Auftritte gehörten sowieso fast zum Alltag.

„Nothing To Write Home About“ ist etwas für Träumer. Es werden15 Geschichten mitten aus dem Leben unterschiedlicher Individuen gegriffen. Darunter Meerjungfrauen, Ungeziefer oder auch reale Personen. Es geht um das eigene zu Hause, um Unstetigkeit, innere Unruhe und die Suche nach sich selbst. Es geht natürlich auch um Zuneigung und mit jedem Song wird der erzählerische Charakter immer deutlicher. Paradebeispiel ist „Outnumbered“, das in ironisch witziger Weise das knifflige Dasein der kleinsten und unbeliebtesten Tierchen der Welt behandelt.

Auffällig ist immer wieder die warme, eigentümliche Stimme von Niko Ballestrem, die über einen enormen Wiedererkennungswert verfügt. Schön sind auch die shoegazeartigen Parts zwischendurch, wie in „Ode To The Cirumstances“ oder in Popballade und gleichzeitigem Titelsong „Nothing To Write Home About“ – mehr Shoegaze wäre jedoch gern gehört!

Mit „Early Birds“ geht es dann schon in die gröbere Indierock-Ecke und genau wie die beiden Rahmensongs, erinnert es an die leicht missgestimmten The National oder gut gelaunten Blackmail.

Tommys Klavier verleiht den Stücken immer einen Hauch von Jazz. Schlagzeug, Gitarre und Bass scheinen dagegen eine untergeordnete Rolle oder simple Begleitfunktion einzunehmen, denn eine sich deutlich abzeichnende Existenz wird hier nicht wahrgenommen. Gesanglich ist es auch eher schwierig für den Hörer. Zwar erzählt Niko Ballestrem seine Geschichten in gekonnter Form, aber irgendwann wird es nur noch als monotoner Singsang empfunden, besonders wenn es ab Albummitte bergab geht mit der Spannung. Hier tut sich nämlich plötzlich ein riesiges schwarzes Loch auf. Farbe, Glanz und Intensität der Platte scheinen vergessen, die nächsten Songs tröpfeln bloß noch vor sich hin, es wird vorhersehbar und öde.

In „Equilibrium“ heißt es „ good bye, good bye/ we should go“, aber anstatt zu gehen, konfrontieren uns Yes But mit einem weiteren Song. Insgeheim wünscht man sich allerdings schon lange, dass endlich Schluss ist, so unspannend und belanglos waren die letzten Songs. Überraschenderweise kompensiert „Dot“ die sich eingeschlichene Langeweile wieder etwas! Mit rein instrumentalem Uptempo-Einstieg ist der Song tatsächlich äußerst packend und endlich trifft mal ein grantiger Gesang auf finsteren Ghinzu-Sound.

Die 15 Geschichten, die in viel Text verpackt wurden, sind zwar ganz niedlich und im Falle von guten Zuhörern auch sehr unterhaltsam, dennoch zählt neben dem lyrischen besonders der rein musikalische Aspekt. Der erste Eindruck eines Albums entsteht nun mal durch das bloße Hören, daher hätten Yes But den Fokus ihres Debüts etwas mehr auf die Abwechslung und gleichzeitige musikalische Spannung legen sollen. Im Großen und Ganzen rotiert das Album nämlich nicht oft im Player. Das liegt vor allem an den drei Liedern zu viel auf der Platte. Kurz, knackig und fesselnd pointiert ist manchmal eben doch die bessere Wahl.

Julia Fischer für Valve-Magazine.net

www.myspace.com/yesbut

www.yes-but.com

www.lastfm.de/music/yes+but

- Wir können nichts für euch tun. Macht mal selber! -

(Rhytm Police)

rhytm_police

Nie wieder Katzen, Fußball oder Lebensmittel! Zumindest was euren Kalender für das kommende Jahr  angeht, denn der wunderbare Lieblingsempire Kalender 2009 ist endlich da!

Lieblingsempire heißt Liebe zur Musik und Kunst -  Ideen, Kreativität und Schaffen inbegriffen.

kalflyer

Unter dem Motto „Music Makes The People Come Together“ beteiligten sich 14 begabte Illustratoren aus Finnland, Spanien, Australien, Türkei, Polen, Deutschland, Großbritannien, Venezuela, Argentinien und der Schweiz am inzwischen dritten Kalender und heraus kam ein sehr edles, liebevoll verarbeitetes und hochwertiges Schmuckstück, das eure Wände jeden Monat neu verzieren und Kunstbegeisterte verzaubern wird.
Übrigens macht sich der Kalender auch gut als originelles Geschenk – Weihnachten und so!!

ANGUCKEN/VERLIEBEN/BESTELLEN

(Dort kann man dann auch sehen, was man 2007 und 2008 vielleicht verpasst hat!)

Rob St. John

robstcat1

Like Alchemy EP (Fife:Kills, 08.12.2008)

Jaja, neue englische Welle ist Folk, ganz nach dem Motto „back to basics“ and damned! – do it yourself! Und wer hat sie wieder alle? Fife:Kills, das Ausnahmelabel aus Großbritannien. Nicht nur Eagleowl sind dort gut behütete Schützlinge, sondern auch Rob St. John, ebenso aus Edinburgh. Anstatt beruflich den Regenwald zu erforschen, bastelte dieser nämlich lieber an seiner zweiten EP „Like Alchemy“, die auf 250 Stück limitiert ist. Aufbewahrt wird der Silberling in einem handbeschriebenen und eigens gestempelten Case in Recycling-Outfit. Eben ein DIY-Produkt der klassischen Art.

Rob St. Johns Musik erinnert an die endlosen Stunden eines sich einsam fühlenden Wandersmannes, der seinen Weg geht, dabei sinniert, aber nie anzukommen scheint. Hilflos und unselbstständig ist Like Alchemy nicht, denn zu dem Wandersmann gesellen sich auf dessen Weg immer mehr Menschen und reihen sich mit so putzig klingenden Instrumenten wie Autoharfe, Bariton Ukulele und Glockenspiel (Bart Owl von Eagleowl) ein. Double Bass (Emily Scott) und Cello fehlen natürlich auch nicht. Außerdem – und das gibt kurz Bedenken, wenn man es nicht kennt – sitzt Louis Martin vom Scottish Chamber Orchestra an der sogenannten Musiksäge und…nun ja…sägt eben Musik. Aber anstatt etwas kaputt zu machen, entsteht eher ein reizendes  Stück Lo-Fi-Folk, das durch den elegischen Gesang von Rob Waters einen gewissen Hauch Wehmut versprüht.

Fazit: Alles in allem eine sehr feine und bedachte, melancholiereiche, manchmal verträumte EP, die es sogar schon in die Endlosschleife des Players geschafft hat. Für ruhige Stunden ideal,  für Indie/Folk-Fans ein Must-Have und die kalten Winternächte werden mit Musik von Rob St. John auch endlich etragbar.

(Julia Fischer)

Tracklist:

1. Like Alchemy (05:53)

2. Paper Ships (06:02)

3. A Red Heron (06:13)

4. The Wicker Basket (04:56)

Anhören und alle Infos:

www.myspace.com/robstjohn

www.lastfm.de/music/Rob+St+John

www.myspace.com/fifekills

cover2_rhytm_policeRhytm Police: Turbo Bells (Bsc Music/Rough Trade, 12.12.2008)

Disco meets Rock ist zwar nicht unbedingt neu, aber so überzeugend wie von Rhytm Police  hatten wir diese Kombination schon lange nicht mehr.

Schräg, grotesk, exzentrisch, und sogar ein wenig zynisch, aber vor allem laut und gut gelaunt, das sind die zwei Augsburger Leroy Schlimm und Tom Mycro, die nach langer Live-Tour durch Deutschland ihre elektronischen Rock- und Dancehymnen auf Platte gepresst haben. Mit dieser nämlich greifen sie ganz tief in den Topf voller markanter Beats und Melodien, bestechend eingängig,  sympathisch und vor allem tanzbar!

Aus dem tiefsten Süden Deutschlands sind die beiden Herren. Und weil man die Kühe im Allgäu noch aus 10 km Entfernung das Gras kauen hören kann, musste zur Vermeidung von irrtümlich aufgestellten Thesen über das schwäbische Musikbestehen à la Blasorchester ein eindeutiges Statement her: „Turbo Bells“!

Damit haben es die beiden auch offiziell zur harten Konkurrenz von Deichkind, Digitalism und Co. geschafft, allerdings ganz ohne als Kopie hingestellt zu werden. Eher noch beweisen sie ein äußerst gutes Händchen und großartiges Gespür für mitreißende Partybeschallung, denn auf „Turbo Bells“ toppt ein Song den anderen!
Mit „Space Escape“ gehen die beiden gleich aufs Ganze: Eine riesige Flut an Energie, Elektronik, Bass und Schlagzeug hauen sie uns um die Ohren und auf Partys dürfte spätestens jetzt der hauseigene Tanzteppich voller wild zappelnder Menschen sein.  Und auch „Wir können nichts“ besticht durch knackigen Rhythmus. Mit Ansätzen von Tiefgang in Form von Kritik im Text, auf den sowieso keiner der mitgrölenden Gäste hört, wird es im Verlauf dieser knappen Stunde tatsächlich nie langweilig. Denn „Dear Praesident“ ist eine weitere Ode an die Party und als offener Brief an  alle Politiker rufen Rhytm Police mit Trip Hop und einer gehörigen Portion Sickness zur durchgehenden Feierei auf.

Die anschließende kleine Ruhepause „Turbo Bells“ kann man nutzen, um sich das nächste Getränk zu genehmigen. Ob nun hartes Zeug oder Bier, sei mal dahingestellt, Fakt ist, dass auch der Rest der Platte den Tanzgeist genauso fordern wird, wie schon der Anfang. So sollte man demnach gut vorbereitet wieder den Dancefloor betreten.

Eine Szenerie wie im schlechten amerikanischen Teenie-Film dürfte spätestens mit „Let me rock“ feat. Tony The Dope entstehen. Wenn die Musik nicht bis zum Anschlag aufgedreht ist, die Nachbarn nicht die Polizei rufen, die  teure Ming-Vase der Hausbesitzer nicht zu Bruch geht, niemand kotzend in der Badecke liegt oder sich noch bis zur Besinnungslosigkeit besäuft, nicht gepogt wird und auch keiner ausrastet, dann ist die Party diese Platte nicht wert! Für die Spaßgesellschaft der hiesigen Generation lauten die Devisen eindeutig  „Feiern bis der Arzt kommt!“ und „Dance if you can!“.

Hier dreht sich wirklich alles um dicke fette Beats, Computerstimmen, House, stylishe Textkonstruktionen, Soundverliebtheit und Energie, die raus muss, um die 12 Songs so plastisch zu machen. Wie von selbst scheinen sich diese nämlich aufgenommen zu haben.  „Turbo Bells“ suggeriert mit seinen fast ungeschliffenen Songstrukturen den absoluten Partyrausch und lässt DJs sowie andere musikalische Genreübergreifer fast ein wenig alt aussehen. Ohne viel Glattbügelei vereinen Rhytm Police einwandfrei die Coolness von Deichkind mit dem Groove von Fettes Brot, sind aber noch eine Runde smarter als beide zusammen und präsentieren ein sehr eigenständiges, kreatives Werk an nahezu fordernder Musik.  Was die beiden Jungs an wahnwitzigen Ideen so vorlegen, fällt manch anderem im Traum nicht ein. Fazit: Ein echter Geheimtipp unter den wahren Partyplatten!

Julia Fischer für Valve-Magazine.net

http://www.myspace.com/rhytmpolice

http://www.mongkong.com

http://www.lastfm.de/music/rhytm+police

Man kommt einfach nicht drum rum…

  • Band des Jahres –> Our Broken Garden (DK)
  • Überraschung des Jahres –> Tiger Lou (S)
  • Enttäuschung des Jahres –> finn. (D)
  • Song des Jahres –>Below it (Peter Broderick, USA/DK)
  • Newcomer des Jahres –> A Cold Dead Body (I)
  • Genre des Jahres –> Post-Rock (Skandinavischer)
  • Konzert des Jahres –> Efterklang (DK), 02.09.08, Lido/Berlin
  • Album des Jahres –> Home (Peter Broderick, USA/DK)
  • Langweiligstes Album des Jahres –> Ragged Wood (Fleet Foxes, USA)
  • Langweiligste Band des Jahres –>The Format (USA)
  • Nervigster Künstler des Jahres –> Katy Perry (USA)
  • Pluspunkte des Jahres –> Moly (UK)

Aussichten für 2009:

  • A Cold Dead Body veröffentlichen ihr Debüt und kommen nach Deutschland
  • Aereogramme tauchen wieder auf
  • Zweites siva.-Album erscheint
  • Madonna geht endlich in verdiente Rente
  • Man kann mit jedem beliebigen mp3-Player scrobbeln
  • God Is An Astronaut wechseln zu Instrumental Hip-Hop
  • Radiohead erfinden neue Musikrichtung aus Grindcore und Jazz

drownsoda_cover

Drownsoda: Playing With Fire (Auf die Plätze, 28.11.2008)

Nahe dran ist er ja, der junge Mann aus Limoges. Während Julien Agot jahrelang seine Stunden am Schlagzeug verbrachte, gewann der Drang etwas Eigenes in Kombination mit elektronischer Musik zu schaffen immer mehr an Priorität. Seine musikalische Inspiration holte sich der junge Franzose bei Größen wie New Order oder anderen 80er und 90er-Chartstürmern. Jedoch klangen in den meisten Fällen schon damals die Synthesizer einfach eher bescheiden und das hat sich bis heute auch nicht geändert. Wo Depeche Mode und Wolfsheim vor 20 Jahren noch versuchten, Synthpop mit allerlei Gesang und Spielereien aufzuhübschen, setzt Drownsoda ebenso bemüht an, die trivialen Leistungen des klanglich verwerflichsten, doch auch sehr charakteristischen Instrumentes zu verhängen.

„Holograms“ merkt man den Fauxpas mit den Synthesizern nicht sofort an und glatt könnte dieser Song auch in der TV- und Werbeindustrie diversen Automarken zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen. Aber schon bei den ersten Tönen von „Lost in Nothing Hill“ überschlagen sich die schlimmsten Erinnerungen an damalige Stunden vor dem Radio, als die Pet Shop Boys noch hoch- und runterliefen und zu den Ohren wieder herauskamen.  Natürlich ist Drownsoda immer bestrebt, unter anderem tanzbare Abwechslung in diesen Lapsus voller computergelenkter Frickelarbeit zu bringen. Mitunter gelingt ihm das sogar, allerdings überwiegt in diesem Pott von vibrierenden Newest New Wave-Stücken die bekümmerte Gesangsweise,  die alles etwas in die  nihilistische Dancefloorecke drückt und eher nicht zum Tanzen einlädt. Es ist wirklich so: Stellt man sich die heutigen seitengescheitelten Röhrenjeansträger Anfang 20 an einem Abend mit elektronischer Tanzmusik vor, bleibt der gut gestylte Hipster lieber mit dem Bierchen in der Ecke stehen, als sich hier auf die Tanzfläche zu werfen. Wer es schafft, darf dazu natürlich gern tanzen! Ansonsten reicht mit dem Fuß wippen schon aus. Das wirkt dann noch halbwegs cool und souverän.
Es ist eben Musik, die zum Abspacken einlädt. Auch mit „Playing With Fire In A Cold Winter’s Night“ ändert sich die unfreiwillige Discoeckenfixiertheit kaum. Wieder erhallen knapp an der Unerträglichkeit vorbeischlitternde Synthesizer, gemixt mit Melodien von der Sorte „Belanglos“, stimmlich bietet Drownsoda dafür allerdings recht solide Leistungen.
Ein bisschen Indie darf sich diese EP aus dem Hause „Auf die Plätze“ übrigens doch nennen, denn erstens sind die 80er und 90er Jahre längst vorbei, zweitens sieht Julien Agot selber nicht aus wie 42 und drittens ist mit „Casual Situation“ die Quälerei um das Thema, alten Kram wiederzubeleben auch kurz vergessen. Nett verpackt in astreine Beats und tadellose Melodien schätzt man diese EP ein kurzes zweites Mal wert.
Merkwürdig wird es nur, wenn man sich vorstellt, dass es sich hier möglicherweise um einen Albumvorgeschmack handeln soll. Gerade von Songs wie letzterem, „Roads and Ocean“, möchte man heutzutage lieber verschont bleiben. Was damals gehypt wurde, ist heute ein alter Hut und sollte eher ad acta gelegt werden.
„Playing With Fire“ merkt man an, dass es nur mit dem Feuer spielt. Potential ist vorhanden. Die Finger daran verbrennt man sich aber nicht.

Julia Fischer für Valve-Magazine.net

www.myspace.com/drownsodaband

www.fertiglos.net

www.lastfm.de/music/Drownsoda

britney_coverBritney Spears: Circus  (Sony BMG, 28.11.2008)

„Circus“: das ist Britney! Showgirl und Entertainerin schlechthin, immer nahe am Abgrund, um sich anschließend doch wieder zu fangen, negativer Publicity zu trotzen und einfach ihren Weg zu gehen. Es kann zwar nicht ganz „ihr Weg“ sein, da sie als derzeitige Pop-Marionette die Nase sehr weit vorn hat, aber das Showgeschäft mit Blauäugigkeit zu betrachten hat sich Miss Spears sowieso schon sehr früh abgewöhnt.
Als kleines Mädchen von acht Jahren begann ihre sagenhafte und häufig mit zu makaberen Momenten versehene Karriere. Viel zu oft war sie als Erwachsene in den Negativschlagzeilen – ein gefundenes Fressen für drangsalierende Reporter, Amateurfotografen und Paparazzi  ist sie eh und je. Nahezu alle Menschen bekamen jede Minute ihres Lebens mit, das mal mehr, mal weniger interessant schien. Und jedes Mal wird ihr schillerndes bis glanzloses Leben in Texten und Musik verarbeitet und als Platte auf den Markt gebracht. So auch bei „Circus“. Ein fast banaler Begriff, der Britneys Dasein dennoch treffend betitelt. Als Mittelpunkt in der Manege werden offenbar nach eigenen Wünschen wieder alle Spots auf sie gerichtet. Und hinter den Kulissen lauert dann der wahre Zirkus, in dem sämtliche Krisen und Chaos die Oberhand gewinnen. Die Abrechnung mit diesen Tiefpunkten folgt stets in musikalischer Gestalt auf der Bühne oder als Album und mit jedem Gegenschlag scheint eine riesengroße Last von Spears zu fallen.

Mit „Circus“, ihrem sechsten Studioalbum, setzt Britney größtenteils auf Nachtclub-Pop. Wie gewohnt verknüpft sie mit ihren Produzenten grundverschiedene Musikstile zu einem erträglichen Gesamtwerk, wenn es auch nicht wirklich überraschend oder gar weltbewegend ist. Aber abgesehen von den vorlauten Anspielungen auf Presse, Ex-Freunde, Männer und anderen Problemthemen in ihrem Leben, tut dieses Album keinem etwas. Es ist nicht einmal notwendig, zwischen den Zeilen zu lesen. Britney kontert allen bisherigen Schwierigkeiten direkt und offen und das sogar in einer äußerst experimentellen Art.
„Womanizer“ und der Titelsong „Circus“ gehen als pampige Ohrwürmer mit viel elektronischem Pop durch. Die Balladen – „Out From Under“ und „Unusual You“ sind gut gelungen, selbst wenn Britneys dünnes Stimmchen nicht viel hergibt, aber dank versierter Produzenten und technischer Hilfsmittel ist klassischerweise noch einiges verbessert worden.
Ab „Kill The Lights“ beginnt nun die eigentliche Abrechnungsphase mit der bösen Welt. Vom Wesen her bleiben Nummern wie „Shattered Glass“, das wohl an ihre Verflossenen gerichtet ist,  oder „If U Seek Amy“ sehr beatlastige und eingängige Dancepop-Stücke.
Auf Dauer schwinden der Auftürmung an Songs in „Circus“ allerdings Spannung, Abwechslung und Ideenreichtum und im Querschnitt verblassen die Neugier und Konzentration ebenso einfach. „My Baby“, „Mannequin“ und „Lace and Leather“ rufen direkt zum unverschämten Gähnen auf.
Köstlich und amüsant wird es allerdings bei „Mmm Papi“, einem „Must-Hear“ unter den obligatorischen unkeuschen Pop-Prinzessinen-Nummern und einziger Ausbrecher in dem sonst sehr homogenen und harmlosen Material.
Es ist eben alles schon einmal da gewesen. „Circus“ reiht sich dennoch gut in die Playlist vom Vorgängeralbum „Blackout“ ein und könnte ebenso erwartungsgemäß als Vorlage für das nächste Album dienen.

Britney Spears muss jedenfalls dank ihres zirkushaften Lebens, der Schlagzeilen und ihrer Kämpfernatur keine Angst haben, jemals in Vergessenheit zu geraten. Denn neben Madonna und Elvis als Legenden im Showbiz bleibt sie wohl in den Köpfen der meisten Leute hiesiger Generationen erhalten – trotz dieser Reihe an durchwachsenen Alben.

Julia Fischer für Valve-Magazine.net

www.britneyspears.de

www.myspace.com/britneyspears

www.sonybmg.de/artists2.php?artist=176644

coverStun: And At Least You Dance  (Sister Jack/Cargo Records, 09.01.2009)

Stun machen es einem zumindest anfangs ganz schön einfach. Nicht nur, dass die vier Bremer ihren Fans, Freunden, Lokalpatrioten und anderweitig Interessierten alle wichtigen Informationen mittels bandeigener Homepage vor die Füße werfen, Banner, Bio, Cover und Texte zur Verfügung stellen – nein, dann wird auch noch einer der sicherlich hoffnungstragensten Albentitel der letzten Zeit gewählt. Und eine Erklärung für diesen gleich mitgeliefert. Sehr zuvorkommend eben. Irgendwie gentlemenlike. Und nett.

Der Schein trügt allerdings so halb und halb.

„And At Least You Dance“ ist nämlich nicht das, wonach der Titel klingt. Kein Pop, kein Dance, kein Walzer und sonstiges Tanzmaterial. Ist aber auch nicht schlimm, denn was es ist, gefällt sowieso viel mehr: die Jungs liefern nämlich echten und rückblickend doch etwas abstinent gewesenen ehrlichen Gitarrenrock, fahren damit ein wenig die Indie-, ein wenig die Alternative Rock- und immer noch ein wenig die Emo-Schiene, scheuen vor gecoverten Songparts à la U2 nicht zurück (auf der Homepage steht, warum!) und verpassen ihren zehn Stücken mitunter eine extreme Individualität, nicht zuletzt durch den offensichtlichen Virtuosen hinter der Gitarre, Roman Pelz. Dieser verleiht dem Debüt mit quietschend verzerrter Spielerei genau den passenden Touch, um alle möglichen Haare zu Berge stehen zu lassen. Aber wie gesagt, alles ist anders.

Klagende und schmerzerfüllte bis zuversichtliche Vocals bescheren den Eindruck ständigen Wehmuts, aber gleichzeitiger großer Erwartungen. Man schwankt zwischen dem Gefühl des allein gelassen Werdens und im nächsten Moment kann es kollektiver nicht sein. Man blickt von der Nacht in die Sonne. Bestätigen kann dies der Opener „Special“. Rotzig, aber nett. Laut, aber gefällig. Knarzig und zugleich melodisch.  Dreckig, dennoch anständig. Nichts ist, wie es scheint.

Der Drang, Sänger Marco Goerlich wegen dessen äußerst bekümmerter Gesangsweise tröstende Worte wie „Alles wird gut!“ zu spenden und dabei über den Kopf zu streicheln, wird durch das sich ankündigende Quentchen Optimismus,  das mitten in den Songs plötzlich auftaucht, ganz schnell wieder gebremst, so auch beim U2-Zitat in „P-T-R“. Passt.

Doch schon wieder raut es sich auf. Überall Knarzen und Quietschen, bei „We Are Cute“ genauso wie bei dem knapp 11 Minuten langen Titel „One“. Verzweifelte bis wehklagende Worte fallen und  ein Dickicht an Post-Rock-Anleihen drückt zentnerschwer aufs Gemüt. Am Boden zerstört verlässt man dieses Lied. Freude adé. Hallo Trübsal. Doch wozu Kontinuität wahren?
Gleich die nächsten Titel merzen die elendige Tristesse des Übersongs „One“ erbarmungslos aus. Und plötzlich hüpft das Herz wieder vor Freude. Ein aufreibendes Hin und Her.

Mit ihrer Art Rock sind Stun eine hervorragend geeignete Festival-Band, die 2009 in diversen Line-Ups nicht fehlen sollte. Sie haben eben beides: den Mut, mit Krach und verzogenen Tönen Akzente zu setzen und den Geist, gefühlsgeladen und intensiv die Masse zu beeindrucken.

„And At Least You Dance“ darf als ein modernes Märchen betrachtet werden. Der Weg zum Glück ist zwar holprig und steinig; man trifft auf Schranken, Sperren und Hindernisse, doch auch die werden irgendwie überwunden, sei es aus eigener Kraft oder mit fremder Hilfe. Eines ist sicher: Am Ende wird getanzt.

Julia Fischer für Valve-Magazine.net

www.myspace.com/stunmusik

www.stun-musik.de/

- Spam Spam Spam Spam Spam Spam Spam Spam

Spam Spam Spam Spam Spam Spam Spam

Spam Spam Spam Spam Spam Spam Spam Spam

Spam Spam Spam Spam Spam. -

(Bonaparte)

bonaparte

benkweller_horses_coverBen Kweller: Changing Horses    (ADA Global/Rough Trade, 06.02.2009)

Wer trägt Cowboystiefel und Stetson, geht in eine Bar in Texas und bestellt sich ein Glas Milch? Genau, es ist Ben Kweller. Der dachte sich nämlich, zurück zu seinen musikalischen Wurzeln zu müssen und macht jetzt einen auf good old country music. Ist das gut oder ist das schlecht, fragt man sich, wird dieses Album langweilen oder ist es eher ein klares Statement zur gegenwärtig ziemlich überladenen Indiesparte? Bedenken gibt es eigentlich vor jedem neuen Album, ob man dieses nun selbst aufnimmt oder einfach nur hört.

Aber keine Panik, es ist alles halb so wild, auch wenn sich Kweller bereits vor der Produktion in Austin, Texas einquartierte und dort dann in nur 11 Tagen sein viertes Studioalbum aufnahm.

„Changing Horses“ klingt, als hätte er sein Leben lang nichts anderes gemacht, als Countrylieder gespielt und als wäre das die einfachste Sache auf der Welt. Man darf sogar von einem unerwarteten Hörgenuss sprechen, denn obgleich der anfangs gehegten Zweifel beeindruckt Kwellers für sich neu entdeckter alter Stil durch erfrischend freundliche Leichtigkeit, ohne mit irgendwelchem countryesken Schnickschnack zu erdrücken. Statt wild tanzender, gut alkoholisierter Cowboys stellt man sich hier lieber entspannte Lagerfeuerabende vor, Fröhlichkeit inklusive. Und es klingt so sehr nach Sommer, dass man sich in dieser tristen Winterzeit in ein sonniges Texas wünscht.

Tatsächlich steckte in Ben Kweller Zeit seines Lebens ein Country-Fan, immerhin ist er unter anderem mit dieser Musik in Greenville, Texas groß geworden. In mittlerweile 28 Jahren strömten sämtliche Richtungen an ihm vorbei, einige nahm er für die Vorgängeralben „On My Way“, „Sha Sha“ und „Ben Kweller“ mit, andere wiederum ließ er geflissentlich links liegen. Das Countrymusik-Herz schien jedoch immer unterschwellig weiterzuschlagen.

Dank der Pedal Steel Gitarre wird hier beim Opener „Gypsy Rose“ nicht lange gefackelt – dieser chargiert nämlich als purer Inbegriff der Countrymusik, bei der man wirklich merkt, dass sie Kweller leicht von der Hand geht. Denn anstatt bei den darauf folgenden Stücken Präriestaub in der Nase zu spüren, überzeugt die wirklich sympathische Melodieführung in „Things I Like To Do“ oder „Sawdust Man“ zusammen mit der Country-Gitarre und Bens markant klarer Stimme. Und selbst die wirklich ruhigen Songs wie „Ballad Of Wendy Baker“ oder „Homeward Bound“ bringen das gewisse Etwas mit und verlieren dabei nie ihre Aufgabe als amerikanische Traditionsmusik, jedoch wirken sie auch nicht altbacken, sprich, selbst der Indie-Kweller-Fan wird Gefallen daran finden.

Textlich eher auf Einfachheit besonnen, setzt der Texaner auf Wesentliches im Leben und erzählt kleine Geschichten über Menschen, Freundschaft und Familie.

Stimmlich hält sich Kweller an leise bis ausufernde Passagen, überschlägt sich sogar und sprüht vor Energie und guter Laune. Es gibt balladenartige und phasenweise melancholisch klingende Parts, doch im Großen und Ganzen ist „Changing Horses“ so einnehmend und gemütlich, dass selbst unsere Freunde des gepflegten Mainstream es lieben werden.

Es ist sehr mutig, Altes wieder neu aufleben zu lassen. Doch hier liegt etwas mehr als Präsentables vor, wenn „Changing Horses“ nicht sogar einen Trend setzt und demnächst noch weitere Musiker zurück zu ihren Wurzeln finden. Dann wird aus Hip Hop vielleicht bald Jazz und aus Heavy Metal wird Swing. Sehr schön.

Julia Fischer für Valve-Magazine.net

Bewertung: 4/5

Tracklist:

01. Gypsy Rose
02. Old Hat
03. Fight
04. Hurtin’ You
05. Ballad Of Wendy Baker
06. Sawdust Man
07. Wantin’ Her Again
08. Things I Like To Do
09. On Her Own
10. Homeward Bound

http://www.kweller.net/
http://www.myspace.com/benkweller

Für alle Interessierten (und das scheinen nicht wenige zu sein), hier der erste Teil des Stockholm-Berichtes. Fotos gibt es erst, wenn sie entwickelt sind.

Der erste Eindruck von Stockholm kam, als das Flugzeug (Marke RyanAir, Billigflieger) gerade beim Landevorgang war und man eigentlich nichts außer weißen Nebel sehen konnte: in Schweden ist’s grad kalt und neblig. Ersteres war ja vorherzusehen. Zweiteres kann man sich dazudenken, wenn man will. Der Nebel erzeugte zuerst den Eindruck eines magischen Wunderlandes, gilt doch Schweden in meinem Kopf als Land der blonden, zimtigen, märchenhaften und spielzeugähnlichen Menschen. Als wir ausstiegen, lag nicht mal Schnee, Magie adé.

imm012_14

Der zweite Eindruck von Stockholm kam, als wir aus dem Flugzeug stiegen und in den Flughafen gingen, um dann eigentlich wieder rauszugehen (aber den Flughafenweg in Schönefeld vom Flughafen bis in die Halle toppt wohl nichts so schnell): wir sind gar nicht in Stockholm! Dummerweise befindet sich der Skavsta Airport 100 km weit entfernt von Schwedens Hauptstadt, also ging es in den nächsten Augenblicken eher ums Geld tauschen und Bus kriegen. Mit beiden Angelegenheiten hatten wir Glück. Der Kurs war gut und der Bus fuhr zwei Minuten nachdem wir eingestiegen sind los. Erst nach einer Stunde, 20 Minuten kamen wir an der Central Stationen in Stockholm an, dem Bahnhof und offensichtlichen Treffpunkt aller denkbaren Individuen (Menschen, Tiere, Emotionen).
Stockholm ist wie Berlin, bloß mit Schweden drin. Touristen gibt es ja eh überall, die zählen nicht. Stockholm hat extrem hübsche Männer (auch wenn es auch Touristen gewesen sein könnten) und Frauen mit extrem dünnen Beinen. Frauen mit dicken Beinen waren nicht oder selten aus Schweden, haben wir festgelegt.
Der erste Kaffee in Stockholm war teuer. Aber er schmeckte. Wir befanden uns in der Vasagatan, eine der Hauptstraßen der Stadt.

Unser Hostel (Archipelago Hostel) war in Gamla Stan, dem Altstadt-Stadtteil von Stockholm. Ich muss zugeben, auch damit hat es uns gut getroffen. Die paar Bildchen vom Hostel im Internet bringen nicht viel. Die Reviews ehemaliger Bewohner schreckten eher ab. Hostel und Inhaber waren aber nett, die Duschen waren nicht ganz so schlimm, wie viele gesagt haben, obwohl der Duschvorhang immer kuscheln kam. Es roch etwas merkwürdig, aber man konnte nicht sagen, dass nie geputzt wird. Die Dame des Hauses haben wir des Öfteren das Bad putzen sehen und der Herr des Hauses (der übrigens Schwedisch, Englisch, Französisch und Deutsch kann) hat überall gestaubsaugt.

imm001_3

Wir hatten ein 4-Bett-Zimmer, das heißt, es gab immer zwei andere Überraschungsgäste. Interessanterweise waren es am ersten Tag zwei gut aussehende Spanier, die Nachts noch auf Kneipentour gegangen sind (allerdings nach einer Stunde wieder kamen und schlafen gingen, die Luschen) und in guter Erzähllaune waren. Am zweiten Tag sind sie dann weiter nach Finnland. Und uns beehrte ein Fotograf aus dem Allgäu, der in Schweden Schwedisch lernen und Langlaufski fahren wollte und ein etwas gruselig aussehender, riesiger Lette, der morgens um 9 Uhr immer telefonieren musste. Es war wirklich ein Koloss und wir fragten uns, warum er den oberen Teil des Doppelstockbettes nehmen musste. Wäre das Bett zusammengekracht, hätte der halb so schwere Fotograf (der am liebsten Produkte fotografiert…) nicht überlebt.
Die Betten waren an dem ganzen Zimmer das Schlimmste (abgesehen davon, dass unser Zimmer genau am Bad lag, man hat also jeden Gast Zähne putzen und Haare fönen hören. Aber gut, dass wir im Ausland waren, die Gespräche entgingen uns zum Glück.), das Gequietsche und Geknarze war schlafraubend. Umdrehen oder Bewegen war verboten, zumindest wenn es nach mir ginge.

Gamla Stan, die Altstadt, macht ihrem Namen alle Ehre. Überall Pflastersteine, alte schrumplige, aber bunte Häuser, eine Kirche, niedrige Türen und viele kleine Läden, durch die Gamla Stan als größte Shopping-Meile in Stockholm gilt. Es gibt so viele Geschäfte mit bunten, bemerkenswerten und interessanten Auslagen in den Fenstern, dass man als Touri überhaupt nicht daran vorbeikommt. Eine böse Falle.

imm005_7

Bei den Preisen in Schweden schlägt man die Hände über den Kopf zusammen. Nicht nur, dass man nicht vergessen darf, alles durch 10 zu teilen, wenn man den ungefähren Euro-Wert wissen will (für drei Nächte im Hostel haben wir 1550 SEK bezahlt), selbst die kleinsten Elche kosten 5 Euro, ein Kaffee darf gerne 30 Schwedische Kronen kosten und für eine mehr oder weniger hübsche Elch-Postkarte blecht man 2 Euro. Naja, man hat ja gespart und gönnt sich das mal.

Hatte ich schon die hübschen Männer erwähnt? Leider ist die Frauenrate gefühlte 50 Mal höher. Dafür gucken die alle ziemlich böse. Ältere Damen wirken eher streng. In Schweden (Schwedland, wie wir es so schön umformuliert haben) lernte ich aber, geradeaus zu gehen.  Bloß nicht ausweichen, wenn jemand oder etwas kommt. Wer ausweicht, hat schon verloren und wird als Tourist entlarvt. Die Schweden machen keinen Platz oder warten, bis mehr Platz ist, um selbst durchzukommen, sie gehen einfach schnurstracks auf ihr Ziel zu. Läuft man durch einen engen Gang in einem der teuren Supermärkte und kommt einem ein Schwede entgegen, hat man folgende Möglichkeiten: a) man drückt sich schnell gegen das nächste Regal, hofft dabei, dass es sich nicht um Waren wie Scheren, Messer oder Wurst handelt und wartet, bis der Schwede vorbei gegangen ist, b) man geht direkt auf den Schweden zu, plustert sich auf wie ein Vogel im Winter und rammt mit dem Schweden  zusammen, stolpert womöglich noch über irgendein nett aufgestapeltes Produkt (Klopapier, Katzenfutter oder Wasa-Knäckebrot), kommt aber auf jeden Fall genauso schnell an seinen Bestimmungsort wie der Schwede oder c) man sieht den Schweden mit seinem forschen Blick gen Produkt, merkt, dass der Schwede nichts merkt und macht einfach kehrt, rennt sozusagen vor dem Schweden und dem potentiellen blauen Fleck davon. Das ist zwar ein Umweg für einen selbst, womöglich findet man die Kasse auch nicht mehr so schnell wieder oder läuft in die Arme anderer Ureinwohner, dennoch ist man zumindest einem Schweden entkommen.

Bewundernswert an den Nordländern sind ihre Übersetzungskünste. Englische Filme werden ja nur mit schwedischen Untertiteln versehen, so dass unsere blonden Engel von klein auf gut Englisch konnten, sofern sie immer schön viel Fernsehen geguckt haben. Wird man also auf Schwedisch angesprochen, setzt man einen fragenden Blick auf, sagt „Pardon??!“ oder „Sorry??!“ und keine Sekunde später hat der Schwede seine Frage („Woher kommst du?“, „Kann ich diesen Stuhl nehmen?“ oder „Und diesen hier auch?“) in perfektem Englisch gestellt. Wir Deutschen wären da nicht so schnell.

Stockholm bei Nacht ist auch so eine Sache. Da überall alte historische Gebäude stehen, die mit einem leuchtenden Schimmer versehen sind und wahrscheinlich Königin Silvia irgendwo herumschwirrte, war die anfangs dazu gedachte Magie der Stadt wieder präsent. Insgesamt ist Stockholm ruhiger bei Nacht, aber nicht friedlicher als Berlin. In der Straße unseres Hostels waren Clubs mit genauso lauten Menschen wie in Deutschland davor, die warteten, hineinzukommen.

imm012_14a

Fortsetzung folgt! (vielleicht)

imm008_10

imm014_16

imm028_30

Die Menschen sind fast ein wenig seltsamer als in Deutschland, wenn sie getrunken haben, aber dieser Eindruck entsteht sicher eher durch die unterschwellige Fremde, die man als Gast in anderen Ländern verspürt. Aber manchmal ist es einfach besser, nicht zu verstehen, was andere Menschen sagen. Das wünscht man sich ja in Deutschland nur allzu oft.

Stockholm ist irgendwie sehr weitläufig, doch lässt sich zu Fuß alles Wichtige erreichen. Von der Altstadt Gamla Stan ist man in Nullkommanichts im Stadtzentrum, wenn man nicht gerade irgendeinen Umweg nimmt, am Wasser stehen bleibt und die Strudel bestaunt oder die Wache vor dem Palast.

imm002_4a

imm016_18

Auch nett sind die Verkehrsoptionen für Fußgänger. Es gibt nämlich fast überall Fußgängerüberwege (auch bekannt als „Zebrastreifen“), die man allerdings bei stark befahrenen Straßen nur zögerlich betritt, weil man die Angst, doch von einem Raser überfahren zu werden, nicht los wird. Aber es tut auch bei 25 km/h weh. Nichtsdestotrotz hielten die meisten Autos brav an, so dass Shoppingtripps und Supermarkt-Suchereien schnell fortgesetzt werden konnten.
Ampelmäßig ist die schwedische Hauptstadt auch gut ausgerüstet. Kurios war nur die eine Nacht, in der die Autos ständig grün hatten, aber die Fußgängerampel stets auf Rot blieb. So mussten wir leider schwedische Gesetze brechen (falls es überhaupt welche gibt) und bei Rot gehen. Das haben aber viele Leute auch tagsüber gemacht, unverantwortlich gegenüber Kindern und kleinen Hunden oder Äffchen.

imm025_28a

Schön wars am Wasser, was an fast jedem Ort eine unendliche Ruhe ausstrahlt, sofern nicht irgendwelche Störungen (rumgrölende Besoffene, Sturm, Polterabende) auftreten. Ich habe einen ganzen Film nur mit Vögeln drauf, also den Tieren mit Schnäbeln und Flügeln, die sich im Wasser treiben (Schwäne, Enten, …) oder von Brote (ja, nicht Brotstückchen, sondern Brote) werfenden Leuten füttern ließen, was mich in dem Moment sehr an den Film „About A Boy“ oder „Der Tag der toten Ente“ erinnert hat. Dann kamen auch Raben dazu, sehr witzige Tierchen.

imm027_29

imm014_161

Fotografieren ist auch ein Stichwort. Man sollte aufpassen, wen oder was man auf der Kamera festhält, es könnte zu (unverständlichen) Beschwerden von weder Englisch, noch Deutsch, noch Schwedisch sprechenden Menschen kommen. Oder einfach den Akt des Lichtbildmachens ganz schnell und unauffällig vollziehen, dann geht das meist ganz gut.

Alles in allem ist es schön in Schwedland. Vier Tage sind leider zu wenig für Stockholm. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Und die zauberhafte Natur außerhalb der Stadt wird auch noch entdeckt…

I grunden er afgrunden grunden.

(ThunderBear)

thunderbear_cover

- I think my tube is broken, too… -

(Peter Broderick @ endpilot festival 2009)

theopendoorep1Death Cab For Cutie: The Open Door EP (24.04.2009, Atlantic/Warner)

Außen vor zu bleiben war schon immer doof, das wissen wir alle. Ob man nun beim Schulsport als Letzter in den sonst so erlesenen Kreis einer Zweifelderballmannschaft gewählt oder ob man als angehendes Model von C&A einfach nicht gebucht wurde: nicht ins Gesamtkonzept zu passen hört man gar nicht gern und trübt Stimmung sowie Selbstbewusstsein.

Vielen Bands und Musikern geht es ähnlich: sie sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr und so werden Großartigkeit und Spirit einiger Songs leider verkannt und ins Nirvana geschickt.

Death Cab for Cutie beweisen in dieser Hinsicht nun aber Herz, wenn nicht sogar Verstand und schicken 5 ihrer nicht zum Rest des letzten Longplayers „Narrow Stairs“ passenden Songs nicht auf die musikalische Müllhalde.
5 Songs, die nicht auf „Narrow Stairs“ sollen, sei es aus Platzgründen oder weil sie eben doch von den 11 anderen Tracks überholt wurden, haben es als kleines Zusatzalbum zum Glück noch auf „The Open Door EP“ geschafft.
Denn Titel wie „Little Bribes“ oder „A Diamond and a Teither“ sind es unbestreitbar wert, veröffentlicht zu werden, strahlen sie doch eine hinreißend sommerliche Leichtigkeit aus, dass man auf Arbeit glatt Vergnügen haben könnte, sofern der Chef Musikhören duldet. Ein bisschen Indie, ein bisschen

Country und Folk, und ein Hauch Rock’n’Roll und Pop machen das Quintett zu einem wohlig warmen Sommerminialbum.
Freundlich, wie Death Cab for Cutie’s Art nun mal ist, beginnt und endet es, hat aber Rückgrat und macht Spaß, da hier sogar Akustik auf Sonnenschein trifft, Benjamin Gibbards Stimme trotzdem warme Melancholie bedeuten kann, ohne in irgendeine Schiene gedrückt werden zu müssen und auch diese Songs nebst Freude am eigenen Dasein etwas Besonderes und Unbeschwertes mit sich bringen.

Wer diese EP besitzt, beherbergt einen kleinen Schatz. Vergleiche mit „Narrow Stairs“ sind irrelevant, da die Gründe für die Entscheidung zu einer separaten EP nun mehr als bekannt sind. Ein Minialbum, das in seiner Herrlich- und Freundlichkeit mal wieder ganz für sich alleine steht. Ein Außenseiter, zwar im Schatten von Narrow Stairs, aber trotzdem aus der Feder von Death Cab for Cutie. Beide Alben sind aus einem Holz geschnitzt und so ist der Außenseiter eben doch wieder Teil der Familie.

Julia Fischer für Valve-Magazine.net

Bewertung: 4/5

Tracklist:
1. Little Bribes
2. A Diamond And A Tether
3. My Mirror Speaks
4. I Was Once A Loyal Lover
5. Talking Bird (Demo)

www.myspace.com/deathcabforcutie

www.deathcabforcutie.com

www.lastfm.de/music/Death+Cab+for+Cutie

Schaut euch doch mal das neue Video zu Death To My Hometown von Logh an:

http://logh.se/death-to-my-hometown-official-video/

Bild 2

Video Logh - Death To My Hometown

tweets

  • #bvg -angestellte im servicezentrum für erhöhtes beförderungsentgeld (ja, ich wurde erwischt) sind die freundlichkeit in person...nicht! 4 hours ago

 

November 2009
M D M D F S S
« Okt    
 1
2345678
9101112131415
16171819202122
23242526272829
30  

Flickr Photos

More Photos

Archive