cover2_rhytm_policeRhytm Police: Turbo Bells (Bsc Music/Rough Trade, 12.12.2008)

Disco meets Rock ist zwar nicht unbedingt neu, aber so überzeugend wie von Rhytm Police  hatten wir diese Kombination schon lange nicht mehr.

Schräg, grotesk, exzentrisch, und sogar ein wenig zynisch, aber vor allem laut und gut gelaunt, das sind die zwei Augsburger Leroy Schlimm und Tom Mycro, die nach langer Live-Tour durch Deutschland ihre elektronischen Rock- und Dancehymnen auf Platte gepresst haben. Mit dieser nämlich greifen sie ganz tief in den Topf voller markanter Beats und Melodien, bestechend eingängig,  sympathisch und vor allem tanzbar!

Aus dem tiefsten Süden Deutschlands sind die beiden Herren. Und weil man die Kühe im Allgäu noch aus 10 km Entfernung das Gras kauen hören kann, musste zur Vermeidung von irrtümlich aufgestellten Thesen über das schwäbische Musikbestehen à la Blasorchester ein eindeutiges Statement her: „Turbo Bells“!

Damit haben es die beiden auch offiziell zur harten Konkurrenz von Deichkind, Digitalism und Co. geschafft, allerdings ganz ohne als Kopie hingestellt zu werden. Eher noch beweisen sie ein äußerst gutes Händchen und großartiges Gespür für mitreißende Partybeschallung, denn auf „Turbo Bells“ toppt ein Song den anderen!
Mit „Space Escape“ gehen die beiden gleich aufs Ganze: Eine riesige Flut an Energie, Elektronik, Bass und Schlagzeug hauen sie uns um die Ohren und auf Partys dürfte spätestens jetzt der hauseigene Tanzteppich voller wild zappelnder Menschen sein.  Und auch „Wir können nichts“ besticht durch knackigen Rhythmus. Mit Ansätzen von Tiefgang in Form von Kritik im Text, auf den sowieso keiner der mitgrölenden Gäste hört, wird es im Verlauf dieser knappen Stunde tatsächlich nie langweilig. Denn „Dear Praesident“ ist eine weitere Ode an die Party und als offener Brief an  alle Politiker rufen Rhytm Police mit Trip Hop und einer gehörigen Portion Sickness zur durchgehenden Feierei auf.

Die anschließende kleine Ruhepause „Turbo Bells“ kann man nutzen, um sich das nächste Getränk zu genehmigen. Ob nun hartes Zeug oder Bier, sei mal dahingestellt, Fakt ist, dass auch der Rest der Platte den Tanzgeist genauso fordern wird, wie schon der Anfang. So sollte man demnach gut vorbereitet wieder den Dancefloor betreten.

Eine Szenerie wie im schlechten amerikanischen Teenie-Film dürfte spätestens mit „Let me rock“ feat. Tony The Dope entstehen. Wenn die Musik nicht bis zum Anschlag aufgedreht ist, die Nachbarn nicht die Polizei rufen, die  teure Ming-Vase der Hausbesitzer nicht zu Bruch geht, niemand kotzend in der Badecke liegt oder sich noch bis zur Besinnungslosigkeit besäuft, nicht gepogt wird und auch keiner ausrastet, dann ist die Party diese Platte nicht wert! Für die Spaßgesellschaft der hiesigen Generation lauten die Devisen eindeutig  „Feiern bis der Arzt kommt!“ und „Dance if you can!“.

Hier dreht sich wirklich alles um dicke fette Beats, Computerstimmen, House, stylishe Textkonstruktionen, Soundverliebtheit und Energie, die raus muss, um die 12 Songs so plastisch zu machen. Wie von selbst scheinen sich diese nämlich aufgenommen zu haben.  „Turbo Bells“ suggeriert mit seinen fast ungeschliffenen Songstrukturen den absoluten Partyrausch und lässt DJs sowie andere musikalische Genreübergreifer fast ein wenig alt aussehen. Ohne viel Glattbügelei vereinen Rhytm Police einwandfrei die Coolness von Deichkind mit dem Groove von Fettes Brot, sind aber noch eine Runde smarter als beide zusammen und präsentieren ein sehr eigenständiges, kreatives Werk an nahezu fordernder Musik.  Was die beiden Jungs an wahnwitzigen Ideen so vorlegen, fällt manch anderem im Traum nicht ein. Fazit: Ein echter Geheimtipp unter den wahren Partyplatten!

Julia Fischer für Valve-Magazine.net

http://www.myspace.com/rhytmpolice

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http://www.lastfm.de/music/rhytm+police