Sinner DC: Crystallized, (22.05.2009, Ai/Groove Attack)
Als Crystallization bezeichnet man die menschliche Abnabelung von der greifbaren Welt und eine damit verbundene soziale Isolation, die mehrere Stunden andauern kann. Die Ursachen liegen meist beim Menschen selbst und dessen Willen, Mit- und Umwelt aus verschiedensten Gründen den Rücken zu kehren und sich stattdessen auf eine ausgedehnte gedankliche Reise zu begeben.
Der Mensch hofft meistens, durch diese Abkapselung der Realität zu entkommen und sich seinen Träumen zu widmen. Crystallization ist eine Art Flucht vor existenten Gegebenheiten.
Zweckmäßige Hilfsmittel für die Cristallization sind bewusstseinserweiternde Musiktitel oder im Idealfall natürlich ganze Alben, welche ohne Umschweife in einen ungewöhnlichen Bann ziehen, so dass die immaterielle Retraite sofort gewährleistet werden kann. Wir reden aber weder von Chopin noch von Beethoven.
Als Beispiel ist hier zur Zeit das Album „Crystallized“ von Sinner DC zu nennen, einem aufstrebenden, aber leider bisher ungekrönten Schweizer Elektro-Trio, das nach mehreren Versuchen an Gitarren den elektronischen Weg einschlug und sich damit zweifelsohne auf der Erfolgsschiene befindet.
Doch „Crystallized“ ist wieder eines dieser IDM-Alben, das sich rein gar nicht im Club wiederfinden wird. Kein Hindernis für Sinner DC. Man darf musikalische Vergleiche mit Apparat; Trentemøller oder den Regensburgern A Hundred Times Beloved anstellen – jedoch nur unter Vorbehalt! Denn anstatt bei der auditiven Wahrnehmung in gedankliche Höhenflüge zu verfallen, beschleicht einen eher ein merkwürdig klammes Gefühl.
„Go for the stream“ erinnert mit seiner kühlen, minimalistischen Melodie ebenso an Nathan Fakes ruhige Momente und „Anyway“ lässt mit sphärisch wirkenden Bläsern, und unaufdringlichen Lyrics kurz Gedanken an die Briten von Archive aufkommen , bevor diese sich jedoch wieder in Luft auflösen. Zu eigen sind Sinner DC nämlich, musikalisch verträumter und weniger experimentell. Sie sind elektrisierend, wenn man so will, oder eben kristallisierend. Auch wenn „Golden Horses“ dem damals spacigen BBE-Techno-Stil bereits sehr nahekommt und – es passt fast gar nicht richtig zu den anderen Songs – stürmischer wirkt, verfällt man bei „V“ oder „Sunrized“ doch wieder in die anfängliche Lethargie. Es ist bei dieser Art Musik einfach nicht möglich, sich in einen himmelhochjauchzenden Zustand zu versetzen. Dabei strahlt die Platte nicht einmal große Melancholie aus, sondern vielmehr eine gewisse dynamische Schwermut.
Als würde „Digital Dust“ gegen diese Gemütslage ankämpfen wollen, versucht es sorglos und warm zu wirken. Ist ja wirklich nett gemeint, aber „Coast“, der letzte Song, liefert wieder diese merkwürdige hypnotisierende Düsternis und man verlässt die knappen 40 Minuten konfuser denn je.
Einen sehr seltsamen Charakter hat dieses Album: Man wird verwirrt sich selbst überlassen und von einer völligen Leere übermannt. Alles an Gedanken scheint plötzlich trivial und ein riesiger Kloß sitzt im Hals. Verklärter Blick nicht ausgeschlossen. Zum schönen Tagträumen ist „Crystallized“ gänzlich ungeeignet. Aber hervorragend zum Sinnieren.
Julia Fischer für Valve-Magazine.net
Bewertung: 3,5/5
Tracklist:
01. Go For The Stream
02. Anyway
03. Golden Horses
04. The Medium Is The Message
05. V
06. Sunrized
07. Glass Alley
08. Digital Dust
09. Coast


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