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HEALTH: Get Colorhealth-get-color-album-art (Lovepump United/City Slang/Universal, 18.09.2009)

Schön, dass es endlich eine Band gibt, die sich ausgiebig und aufopfernd um die Gesundheit ihrer Mitbürger und Mitbürgerinnen kümmert und sich dementsprechend betitelt. Die Rede ist von HEALTH, eine der wohl derzeit aufstrebendsten Noise-, Trash- und Electrochaos-Bands, die sich auch hierzulande immer mehr Beliebtheit erfreut.

HEALTH helfen wirklich, denn Sie fördern beispiellos und zielgerichtet die fünf Sinne ihrer Hörer! Die vier Jungs aus Los Angeles kümmern sich mit ihrem zweiten Studioalbum „Get Color“ rührend um Sehen, Schmecken, Hören, Riechen und Tastsinn des Menschen und tragen obendrein noch dazu bei, dass sich unsere Garderobe nicht nur auf Grau und Schwarz beschränkt, sondern plötzlich bunt glitzert und funkelt und geradezu nach Disco schreit. Gut gekleidet potenziert sich doch der Wohlfühlfaktor reibungslos und hebt mit Sicherheit auch das Ansehen bei anderen Bandmerch-Besitzern, die ganz bestimmt vor Neid erblassen würden bei den schrillen Farben, die HEALTH in ihrer T-Shirt-Linie präsentieren. „Get Color“ hält, was es verspricht und Shirts sowie Cover sind die reinsten Augenweiden, Blickfänge und Blendwerke.

Zur Bewusstseinssteigerung bedarf es also nicht immer diverser illegaler Hilfsmittel, auch wenn die LP teilweise klingt, als wären Drogen im Spiel gewesen. Für die auditive Wahrnehmung ist das Album mehr Schmaus als Graus.

„In Heat“ ist im Grunde reiner Noise mit einer gewissen Ordnung, kurz und auf den Punkt kommend und klingt gesanglich leicht psychedelisch, so als hätten sich Caribou mit Battles zusammengetan. Genauso verhält es sich mit „Die Slow“, einem der melodiösesten Titel und in Anbetracht der Selbstcharakterisierung mit den drei schönen Worten „Noise/Disco/Fashion“  ist „Die Slow“ wirklich einer der stylishen unter den 9 Tracks.

Die haptische Wahrnehmung, also der Tastsinn, kommt auch nicht zu kurz, denn bei den Beats und Bässen, bei diesen Rhythmen, Geschwindigkeiten und dem offensichtlichen Drang nach regelrechter Verwirrung wird körperliche Ertüchtigung zu „Get Color“ definitiv nicht fehlen. Warum sollte man auch bei „Severin“ oder „Eat Flesh“ still sitzen bleiben? Womit wir auch schon beim Schmecken wären, der – wissenschaftlich ausgedrückt – gustatorischen Wahrnehmung. Schmeckt der Hörer hier  nicht  den Schweiß aller vier HEALTH-Bandmitglieder im Mund, hervorgebracht durch die ausufernde musikalische Extase, der die ganze Mühe zugrunde liegt? Schmeckt er nicht die zig Liter Bier, die daran glauben mussten, nur um die Arbeit für dieses knapp 33 Minuten lange Album erträglich zu machen? Imponieren ihm nicht der Spaß und der Stolz, die beide während der Aufnahmen entstanden und gewachsen sein müssen? Man sollte schon alle Sinne beisammen haben, um diese Art von Musik zu mögen. Sie riecht auf jeden Fall nach einer Menge Herzblut.

„Nice Girls“ schmettert, als würden HEALTH auf ein Klettergerüst einschlagen  und dabei Melodien erzeugen, die energiegeladener nicht sein könnten. Von „Death+“ gar nicht zu reden – so klingt also der Tod, wenn er gut gekleidet ist. „Ungesund!“, würden hier manche rufen, aber spätestens beim Aufbau des charmanten Spannungsbogens gibt es wieder Adrenalin en masse: für den Kreislauf kann das nur gut sein.

„Get Color“ ist definitiv Krach mit System und das alles tun HEALTH nur für unser Wohlbefinden. Der Name ist tatsächlich Programm. Und wenn es auch nicht die Discomusik ist, die so manch einer erwartet, man kann sich durchaus doch dazu bewegen.

Von den gesundheitsfördernden Klängen darf sich in einigen Städten bald selbst überzeugt werden, denn HEALTH sind vom 13.10. bis 18.10.2009 in Deutschland auf Tour.

Julia Fischer für Valve-Magazine.net

Bewertung: 4,5/5

Tracklist:

1)   In Heat

2)   Die Slow

3)   Nice Girls

4)   Death+

5)   Before Tigers

6)   Severin

7)   Eat Flesh

8)   We Are Water

9)   In Violet

Highlights: In Heat, Die Slow, Nice Girls, Death+, We Are Water

Lowlights: In Violet

Web:

http://www.healthnoise.com/

http://www.myspace.com/healthmusic

Florence + The Machine: Lungs                                                           (Island/Universal, 10.07.2009)lungs_cover

Lügen, Missverständnisse, Erwartungen, Enttäuschungen, Eifersucht, Rache und Blindheit sind nur einige aufzuzählende Attribute, die Florence Welch von Florence + The Machine in ihrem Debütalbum „Lungs“ metaphorisch präsentiert. Um nicht zu sagen orkanisiert, denn von dem Stimmvolumen der jungen Londonerin können sich so manche Kates, Katys, Natashas oder Lillys noch etwas abgucken. Keine andere Frau bringt derzeit so emphatisch und energisch eigens geschriebene Liebes- und noch besser, Hasslieder auf den internationalen Pop-Markt. Dabei lebt sie doch eigentlich in einer glücklichen Beziehung, ist sowieso der totale Familienmensch und vermisst eben diese nichts sehnlicher, wenn sie durch die Länder tourt. Von sich selbst sagt sie, ein Extrem zu sein. Entweder hochmotiviert, überglücklich und kreativ, oder am Boden zerstört, frustriert und schlecht gelaunt. Das Glück der Welt liegt ihr -  zumindest im Moment – zu Füßen. Das beweist der kürzlich erhaltene  Brit Award, der Plattenvertrag und natürlich der Hype, der Florence + The Machine auf die Bühnen Europas bringt.

Bereits zu Beginn des Albums wird schnell klar, dass es sich bei Florence um eine starke, toughe und vor allem lebhafte Frau handelt, die alle mit ihrer Stimme niedersingen könnte. Da bekommt das Wort „Stimmgewalt“ gleich eine neue Bedeutung, geht es doch im Verlauf des Albums immer wieder um Rache an der Liebhaberin des Freundes und am Freund selbst.

„Dog Days Are Over“ beeindruckt dennoch entgegen aller jetzt entstandenen Annahmen über Misere und Leid der Florence Welch mit ganz viel Pathos und geradezu fröhlichen Melodien, preschenden Drums und der endlosen Energie der Sängerin. Mit dieser so gesehenen Leichtigkeit erinnert die Band glatt an die fünf Schwedinnen von „Those Dancing Days“, die ihre Songs ähnlich resolut angehen. „Rabbit Heart (Raise It Up)“ hingegen tendiert mit enthusiastischer Mehrstimmigkeit eher in Richtung Bat For Lashes und zieht weiter zum ebenso poppigen „Howl“, dem man die Verärgerung über betrügerische Ex-Freunde deutlich entnehmen darf.

„I’m Not Calling You A Liar“ scheint zunächst eher von ruhigerer Natur, trohnt dennoch bald wieder mit der bereits obligaten und hier besonders anklagenden Stimmenvarianz auf. Florence ist wütend auf ihren Partner, er hat sie betrogen, aber sie will ihn dennoch nicht verlassen, hat sogar Angst davor: „There’s a ghost in my lungs/ and it ties in my sleep/ wraps itself around my chest/ as it softly sleeps/ then it walks with my legs/ with my legs/ to fall at your feet“.

Weiter geht es mit der Singleauskopplung „Kiss With A Fist“, was kurz und schmerzhaft ist, also gerade richtig für den ultimativen Geschlechterkampf. „Girl With One Eye“ hingegen richtet sich an die verhasste Affäre des Freundes. Ruhig, aber bedrohlich ist hier anfangs noch das Motto, doch was einigermaßen lange währt, wird trotzdem nicht gut, denn so richtig beherrscht sein kann sie einfach nicht. So geht es Song für Song. Das macht aber nichts, denn manchmal muss man eben etwas lauter werden, um sich genügend Gehör zu verschaffen.

„Between Two Lungs“ ist mit Abstand die am interessantesten formulierte Liebeshymne des Albums, wird doch ein nebeneinander schlafendes Paar mit dem Fluss des Atems zwischen den Lungen unsichtbar miteinander verbunden. Es schlicht das „Band der Liebe“ zu nennen, wäre an dieser Stelle wohl vermessen und weitaus weniger poetisch.

Schön auch, dass es ein The Source ft. Candi Staton-Cover von „You’ve Got The Love“ gibt, das unverschämterweise auch noch zehn Mal besser als das Original klingt und absolut Spaß macht zu hören.

Trotz ihrer sehr markanten Stimme gelingt es Florence nicht ganz, die experimentelle und teilweise folkige Art der „Machine“, also im Prinzip den Rest der Band,  in den Hintergrund zu stellen. Mehr noch bildet sie ein zusätzliches Instrument, das wunderbar mit den anderen harmoniert. „Lungs“ ist eine Spielwiese vieler verschiedener Klangfarben und -formen und gerät durch den zauberhaften Einsatz sämtlicher Instrumente wie Klavier, Harfe, Percussions, Schellen oder Sythesizern zu einem 13 Songs langem Gesamtkunstwerk.

Julia Fischer für Valve-Magazine.net

Bewertung: 4/5

Tracklist:

01. Dog Days Are Over
02. Rabbit Heart (Raise It Up)
03. I’m Not Calling You A Liar
04. Howl
05. Kiss With A Fist
06. Girl With One Eye
07. Drumming Song
08. Between Two Lungs
09. Cosmic Love
10. My Boy Builds Coffins
11. Hurricane Drunk
12. Blinding
13. You’ve Got The Love

Highlights: Kiss With A Fist, Howl, You’ve Got The Love
Lowlights: I’m Not Calling You A Liar, My Boy Builds Coffins

Web:
www.myspace.com/florenceandthemachinemusic
www.florenceandthemachine.net

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